„Mama, Leonie wirft immer die Stifte runter“ - wenn Kinder petzen

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„Mama, Leonie wirft immer die Stifte runter“ - wenn Kinder petzen

Von julia am 14/11/2017 - 09:45
Regeln einhalten

Ab dem Kindergartenalter, aber vor allem ab der Grundschule ist es ein verbreitetes Phänomen: Kinder, die den Eltern oder der Lehrperson das soziale Geschehen der Kindergruppe direkt weitererzählen, sie „petzen“, wie es so schön heißt.

Kinder, die das sehr intensiv betreiben, haben in Kindergruppen oft einen schweren Stand. Auch Eltern sind oft bemüht ihren Kinder beizubringen, dass man nicht petzt. Auf jeden Fall ist es eine Gewohnheit, die sehr negativ behaftet ist.

Warum petzen Kinder?

Sind Kinder etwa 5 Jahre alt, entwickelt sich zunehmend ein bestimmtes Regelbewusstsein. Sie fangen an den Sinn von Regeln zu verstehen, und sie verstehen auch nach und nach, dass viele Regeln Abmachungen sind und keine Naturgesetze. Sie entwickeln auch ein Bewusstsein dafür, dass in unterschiedlichen sozialen Gruppen unterschiedliche Regeln gelten können.

Mit etwa 6 Jahren, also dem Beginn der Grundschulzeit, erreicht dieses Pflichtbewusstsein einen ersten Höhepunkt – jeder, der eine Regel missachtet wird direkt darauf angesprochen (z.B. wenn jemand bei rot über die Straße geht).

Kinder möchten die Welt, auch die soziale Welt verstehen. Sie sind im Normalfall bemüht Regeln einzuhalten und erwarten sich das auch von ihren Mitmenschen. Einem Erwachsenen eine Regelmissachtung zu erzählen kann für ein Kind unterschiedliche Motive haben:

  • es möchte abgleichen, ob es die Regel richtig verstanden hat, also wirklich ein Regelverstoß vorliegt
  • ist das Nichteinhalten einer Regel mit einer Strafe verbunden worden, was ich jetzt nicht weiter thematisieren möchte, (z.B. wer in einem Spielbereich nach dem Spiel nicht aufräumt, darf den restlichen Tag diesen Bereich nicht mehr nutzen), dann erwarten sich Kinder, dass das Missachten der Regel auch die angedrohte Konsequenz zur Folge hat. Fällt das aus, so macht die Regel auch für jene Kinder keinen Sinn mehr, die sich an die Regel halten.
  • es möchte sich vielleicht einfach nur mitteilen, dass ihm ein bestimmtes Verhalten aufgefallen ist
  • es würde gerne einen Konflikt lösen, benötigt jedoch Unterstützung der Erwachsenen
  • es wünscht sich Entlastung: das Nichteinhalten von Regeln eines anderen Kindes kann bei Kindern Stress auslösen. Sie fühlen sich Verantwortlich das Kind zum Einhalten der Regeln zu bewegen und sind damit oft überfordert. Vor allem, wenn die soziale Kindergruppe sehr heterogen ist (z.B. Kinder zwischen 18 Monaten und 6 Jahren in einer Gruppe)

Vor dem entwicklungspsychologischen Hintergrund macht petzen für Kinder also Sinn. Sie haben häufig auch eine gute Absicht. Die rein negative Auslegung erhält das Verhalten vor allem von außen, von Erwachsenen, und entspringt zunächst nicht aus der sozialen Kindergruppe heraus. Die negative Sicht wird eher in die Gruppe hineingetragen, als Nachahmung der Erwachsenen.

Häufig tritt „petzen“ auch unter Geschwistern auf.

Wie können Eltern reagieren?

  • Versuchen Sie herauszufinden, warum ein Kind Ihnen etwas erzählt
  • Versuchen Sie nicht zu schnell das regelwidrige Verhalten zu bestrafen, sondern bleiben Sie beim Kind, das mit einem Anliegen zu Ihnen gekommen ist und versuchen Sie dieses Kind zu unterstützen (es z.B. zu entlasten, indem Sie ihm sagen, dass es z.B. nicht für das Verhalten des Bruders verantwortlich wäre)
  • Vermeiden Sie Strafen im Vorfeld anzudrohen, das verstärkt den Wunsch der Kinder, dass diese Strafe dann auch eintritt. Versuchen Sie im jeweils vorliegenden Fall mit dem Kind, das eine Regel nicht eingehalten hat, eine Lösung zu finden.
  • Stellen Sie nur Regeln auf, die wirklich notwendig sind

 

Foto: Maresa Gallauner