Einstimmen auf ein neues Leben – aus einem Paar werden Eltern

Erziehungsfragen - Blog

Einstimmen auf ein neues Leben – aus einem Paar werden Eltern

Von julia am 11/05/2017 - 08:54
Familie

Die Paarbeziehung

Die Basis einer jeden Familie ist die Paarbeziehung. Aus der Vereinigung von Mann und Frau entsteht erst das neue Leben, das aus einem Paar eine Familie werden lässt. Sehen wir die Familie als Haus, dann verhält es sich wie bei jedem Haus, das gebaut wird: die Basis muss fest sein. Wackelt die Paarbeziehung, dann ist es auch schwierig ein gelingendes Familienleben zu führen. Doch Beziehungen sind nie Gebilde, die absolut starr sind. Vom ersten Verliebtsein bis hin zu den ersten Jahren oder gar Jahrzehnten zusammen verändert sich die Qualität der Paarbeziehung ständig – und das ist gut so. Leben bedeutet immer auch Veränderung. Eine feste Basis ermöglicht jedoch, dass nicht jede Unruhe oder jede größere Veränderung das ganze Haus zum Einsturz bringt.

Nach einiger Zeit in einer festen Paarbeziehung sind verschiedene Aufgaben und Rollen verteilt, jeder hat seinen Platz gefunden und der Alltag kann zumeist ohne größere Spannungen gelebt werden. Veränderungen finden meist „schleichend“ statt oder in Übereinstimmung mit dem Partner oder der Partnerin. Man hat als Paar das Gefühl, dass „es läuft“.

Auch wenn das Kind, das gerade erwartet wird, ein absolutes Wunschkind ist, bringt es Unordnung in die bestehende Beziehung. Oft schon wenn der Kinderwunsch ernsthaft besprochen wird und somit Thema im Beziehungsalltag ist, merkt man erste kleine Veränderungen – der Umbau des Hauses „Paar“ zum Haus „Familie“ beginnt. Das trifft übrigens auch bei jedem weiteren Kind, das in der Familie erwartet wird zu!

Das Beziehungsnetz muss neu geknüpft werden

Eine Paarbeziehung kann als ein Beziehungsnetz gesehen werden, welches aus sehr vielen einzelnen Knoten besteht. Diese Knoten können wichtige gemeinsame Erlebnisse sein, gemeinsam geteilte Haltungen, usw. Im Laufe der Jahre einer Beziehung bildet sich ein Netz, welches dem Paar Halt gibt. Nun kommt ein weiterer Mensch ins Leben des Paares. Dieser Mensch ist so wichtig, dass seine Ankunft bereits einen neuen Knoten im Beziehungsnetz bildet. Es besteht somit ein Knotenpunkt zwischen „Paar“ und „Familie“. Jedes Individuum einer Familie fügt sich jedoch nicht nur mit einem Knoten zum Beziehungsnetz des Paares hinzu, sondern es beginnt sein eigenes Netz zu knüpfen und in das bestehende Netz einzuweben. Ein Kind sucht seinen Platz in der so entstehenden Familie. Das heißt aber auch, dass in einer bestehenden Paarbeziehung ein Platz für ein Kind (und sein Beziehungsnetz) sein muss. Dafür ist es vielleicht notwendig den einen oder anderen Knoten des Netzes nochmals zu lösen und mit neuen Strängen des Netzes zu verbinden.

Das Bild des Netzes verdeutlicht auch, dass „Familie“ kein festes, im Sinne von starres, Gefüge ist, sondern dynamisch und ständig im Wandel. Eltern und Kinder wachsen gemeinsam, jeder entwickelt sich als Individuum weiter. Das kann nicht ohne Wirkung auf das Beziehungsnetz der Familie bleiben.

Eltern sein – keine vordefinierte Aufgabe

Eltern sein ist kein Lehrberuf. Es gibt keine feste Aufgabenbeschreibung mit gewissen zu erlernenden Handgriffen. Das ist auch ein Grund, warum ich die Idee eines (verpflichtenden) „Elternführerscheins“ skeptisch sehe. Ja, es ist gut, wenn Eltern sich mit ihrer bevorstehenden Aufgabe auseinandersetzen. Das Bild des Führerscheins erweckt jedoch den Eindruck als wäre es eine Handfertigkeit, die einmal zu erlernen ist und dann im Sinne eines Automatismus abgerufen werden kann – so wie eben Autofahren (ja, man wird mit den Jahren im Fahrstil sicherer, aber im Grunde ändert sich der Handlungsablauf nicht). Das trifft auf die Herausforderung des Elternseins mit Nichten zu! In den ersten Wochen und Monaten entwickelt sich ein Baby so schnell, dass man oft das Gefühl hat als Erwachsener immer „zu spät“ zu sein – hat man sich auf ein Verhaltensschema eines Babys eingestellt, kommt es zu einem nächsten Entwicklungsschritt und das Baby nimmt seine Umwelt anders wahr. Und wieder muss man als Eltern seinen Umgang mit dem Baby anpassen. Aber nicht nur Kinder wachsen. Man wächst auch in seiner Rolle als Vater oder Mutter – und das über Jahre hinweg. Jedes Kind bringt einen dazu weiter an sich zu arbeiten und verändert einen als Vater oder Mutter.

 

Foto: Maresa Gallauner