Erziehungsfragen - Blog

Für Sie gelesen: Fünf Säulen* der Erziehung

Von julia am 30/01/2017 - 08:41
Bücherhimmel

Nachdem ich nun einige Kinderbücher vorgestellt habe, möchte ich heute wieder Ihre Leselust ein wenig wecken. Wie Sie vielleicht bereits wissen, stehe ich klassischer Ratgeberliteratur kritisch gegenüber, weil sie mit Versprechungen wirbt, die sie nicht halten kann. Erziehung ist so individuell und so komplex, dass es einfach nicht möglich ist allgemein gültige Rezepte aufzustellen. Außerdem wird in Ratgebern oft nicht offen gelegt, welche Theorien und Ansätze zugrunde liegen, weswegen es auch schwierig ist einzuschätzen, ob etwas zum eigenen Erziehungsdenken passt, bzw. in welchem Menschenbild man sich bewegt, wenn man verschiedene Tipps und Ratschläge verfolgt. Aus der Not heraus werden vielleicht die einen oder anderen Rezepte ausprobiert, oft schon mit einem komischen Gefühl im Bauch, dass einem plötzlich das eigene Verhalten dem Kind gegenüber widerstrebt.

Einen anderen Weg wählt Sigrid Tschöpe-Scheffler in ihrem Buch „Fünf Säulen* der Erziehung. Wege zu einem entwicklungsfördernden Miteinander von Erwachsenen und Kindern“. Patmos Verlag 2003 (6. überarbeitete Auflage 2011).

Die Überarbeitung für die aktuelle Auflage hat auch zu dem * im Buchtitel geführt, denn ihre Weiterarbeit hat ergeben, dass es nun 2 ergänzende Säulen gibt. Da das Buch unter dem ersten Titel jedoch schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatte, wurde der Titel nicht angepasst. Auch die sehr ansprechenden Graphiken wurden nicht verändert (da diese bereits in weiteren Arbeiten übernommen wurden), die zwei zusätzlichen Säulen wurden „nur“ theoretisch ausgearbeitet.

Das zeigt, dass ihre Auseinandersetzung dynamisch ist, ständig ein Weiterdenken stattfindet – so wie es auch im Erziehungsalltag sein sollte. Basis des Buchs ist ein Forschungsprojekt an der Fachhochschule Köln. Durch weitere Projekte und auch studentische Arbeiten kam es zu den Überarbeitungen. Obwohl in dem Buch immer wieder wissenschaftliche Literatur zitiert wird und auch ausgeführt wird auf der Basis welcher Theorien ihr Erziehungsdenken fußt, ist das Buch auch für Eltern sehr gut lesbar.

An sich arbeiten

Für die Autorin ist es wesentlich, dass Erziehung bedeutet, dass die Eltern auch beständig selbstreflexiv an sich arbeiten. Sie möchte keine Handlungsanleitung geben, möchte kein Ideal bedienen. Sie betont auch, dass niemand perfekt sein muss, sondern dass es eine Bereitschaft geben soll durch Fehler zu lernen.

Die 5 (plus 2) Säulen

Tschöpe-Scheffler geht davon aus, dass es eine entwicklungsfördernde Erziehung gibt, welche auf 5 Säulen beruht: Liebe, Achtung, Kooperation, Struktur und Förderung. Erweitert wurden diese durch Gemeinschaft und Spiritualität.

Diesen Säulen stellt sie entwicklungshemmendes Verhalten gegenüber: Emotionale Kälte & Überfürsorge, Missachtung, Dirigismus, Chaos, Mangelnde Förderung & Überförderung, Isolation und Allmachtsphantasien.

Das ganze steht auf einer Basis des eindeutigen Ja zum Kind, zur Verantwortung und Zuständigkeit, zur Übernahme der Mutter- und Vaterrolle und der personalen Präsenz.

Alle Säulen inhaltlich auszuführen würde diesen Beitrag deutlich zu lang werden lassen. Ich möchte nur gleich darauf hinweisen, dass die oft „plakativen“ Titel der Säulen inhaltlich sehr differenziert durchdacht sind und keineswegs so platt sind, wie sie vielleicht auf den ersten Blick erscheinen oder befürchten lassen (z.B. wenn es um Spiritualität geht).

Mut zur Erziehung und zu Fehlern

Die Autorin malt jedoch kein schwarz oder weiß Bild. Niemand wird immer nur die Säulen der entwicklungsfördernden Erziehung bedienen. Entwicklungshemmendes Verhalten ist immer im Hintergrund (sie nennt es Schatten- oder Hintergrundsäulen) vertreten. Es wird Situationen geben, in denen man sich dem Kind gegenüber überbesorgt oder überfordernd verhält, sich vom Kind distanziert, Bedürfnisse des Kindes missachtet oder Wege durchsetzt, ohne auf die Kooperation des Kindes zu setzen.

Wesentlich ist es, dass Eltern die Bereitschaft zeigen an sich zu arbeiten und sich auch ehrlich bei ihrem Kind entschuldigen, wenn eine Situation einmal nicht so gelaufen ist, wie sie es sich selbst gewünscht haben.

Sigrid Tschöpe-Scheffler plädiert für den Mut zur Erziehung.

 

Foto: Maresa Gallauner