Morgen ist ein neuer Tag
Immer wieder stoße ich auf Eltern, die mich fragen, ob ich denn die „normalen“ Elternsorgen überhaupt kennen würde, bin ich doch schließlich Pädagogin und Kindererziehung gehört zu meinem Berufsfeld. Doch ich kann versichern: JA, denn für meine Kinder bin ich Mutter – ich stehe in keinem professionellen Verhältnis zu meiner Familie, ich bin involviert und emotional verstrickt und somit begegnen mir vermutlich sehr ähnliche Fragen und auch ich komme an einigen Tagen an den Punkt, wo ich mich frage, wie ich das alles schaffen soll oder es gibt Tage, an denen ich merke, dass ich anfange die Geduld zu verlieren.
Wer schon mehrere meiner Blogbeiträge gelesen hat weiß, dass für mich die Beziehung zu Kindern und die Bindung zwischen Eltern und Kindern sehr wichtig ist. Oft (jedoch nicht ausschließlich) finde ich meine Idee von Zusammenleben mit Kindern im sogenannten „bindungsorientierten Erziehungsansatz“ wieder. Liest man jedoch Bücher oder Blogbeiträge aus dieser Schiene, kommt rasch das Gefühl auf, dass es nicht zu schaffen ist, dass man nicht immer gleich empathisch sein kann oder man es einfach nicht immer schafft die Perspektive des Kindes einzunehmen, vielleicht einmal laut wird oder die Geduld wirklich verliert, oder auch so Sätze denkt oder sagt wie „Steh auf, es ist doch nichts passiert“.
Das Leben ist keine Theorie
Wie bei allen pädagogischen Ansätzen und Theorien wird immer von einem Idealzustand ausgegangen. Es wird ein Bild vermittelt wie, dem jeweiligen Ansatz nach, das Leben einer Familie aussehen kann, wenn man zu 100% dieser Idee folgen würde. Es werden Beispiele und Erzählungen zusammengewürfelt, die plakativ jeweils einen bestimmten Aspekt der Idee vermitteln helfen. Es werden jedoch nicht die vielen Szenen erwähnt, in denen es vielleicht nicht so klappt – aus welchen Gründen auch immer.
Alfie Kohn bringt es auf den Punkt:
„Vielmehr wollen wir nun wissen, ob es realistisch ist, zu glauben, dass wir unsere Kinder als die Menschen, die sie sind, ohne Wenn und Aber annehmen und lieben können. Ich glaube, hier lautet die Antwort eindeutig ja. Viele Eltern empfinden so. Doch ist es möglich, mit unseren Kindern Tag für Tag so umzugehen, dass sie nie an unserer Liebe zweifeln? Denken Sie daran, dass wir sie manchmal frustrieren müssen, indem wir nein sagen. Bisweilen werden wir ihnen gegenüber vielleicht ungeduldig oder sogar wütend. Und Kindern fällt es oft schwer, die tiefer liegenden Gefühle von Menschen von vorübergehenden Launen zu unterscheiden. Können wir also sicherstellen, dass sie sich immer bedingungslos geliebt fühlen? Wahrscheinlich nicht. Unser Ziel sollte aber sein, diesem Ideal so nahe wie möglich zu kommen.“ (Kohn 2013: S. 163-164; Hervorhebung JS)
Gefühle und Emotionen gehören zum Leben
Kinder erwarten sich auch keine statischen Eltern, die jeden Tag die gleiche Laune haben, die immer zu 100% gleich reagieren und somit für die Kinder keine Facetten von Emotionen und Gefühlen zeigen. Das ist nun keine Aufforderung seine Launen ungefiltert an den Kindern auszulassen. Kinder sind jedoch sehr impulsiv, erleben jeden Tag unzählige Stimmungswechsel und erfahren wie sie sich jeweils fühlen, wie die Außenwelt dann auf sie reagiert, usw.
Stehen sie jedoch Erwachsenen gegenüber, die keine sichtbaren oder merkbaren Emotionen haben, kann bei Kindern die Frage aufkommen, ob es überhaupt normal ist auch einmal wütend, aufgeregt oder verärgert zu sein. Oder auch positiv formuliert: sie erleben nicht, dass man diese Gefühle hinter sich lassen kann und auch wieder fröhlich, zufrieden oder ausgelassen sein kann.
Auch bindungsorientierte Erziehung ist nicht grenzenlos
Kinder brauchen einen Rahmen, sei es örtlich, indem sie z.B. einen geschützten Spielbereich haben, sei es, weil sie erfahren, dass andere Menschen ihre Grenzen haben und diese auch aufzeigen oder weil sie erleben, dass sie selber Grenzen haben (z.B. wenn sie merken, dass sie noch nicht alles können, was sie gerne möchten). Das was, meiner Ansicht nach, ein bindungsorientiertes Erziehen versucht zu vermeiden ist, Grenzen zu setzen, nur damit es Grenzen gibt – also Regeln aufzustellen, die vielleicht gar nicht notwendig sind, nur weil etwas scheinbar (z.B. aus gesellschaftlicher Sicht) so sein muss. Kinder spüren meist, dass diese Grenzen „künstlich“ sind, dass die Eltern vielleicht gar nicht wirklich dahinter stehen und rebellieren gegen den Zwang. Natürliche Grenzen der eigenen und anderen Person können Kinder im Allgemeinen gut akzeptieren. Sie merken z.B., dass sie es nicht schaffen auf ein Klettergerüst zu klettern und suchen sich eine andere Beschäftigung am Spielplatz oder sie können einen Moment warten, wenn ein Elternteil erklärt, dass er einen Augenblick braucht um durchatmen zu können. In beiden Fällen kann es sein, dass das Kind enttäuscht ist und diese Enttäuschung auch ausdrücken möchte. Merken sie aber, dass ihnen nicht absichtlich etwas verwehrt wird, nur weil man meint etwas verbieten zu müssen, sondern eine natürliche Grenze (z.B. der motorischen Fähigkeiten oder der Belastbarkeit) erreicht ist, können Kinder rasch wieder nach vorne blicken.
Neuer Tag, neues Glück
Kinder leben im Augenblick. Je jünger ein Kind ist, desto mehr trifft dies zu. Erwachsene denken in größeren Zusammenhängen: Vergangenes wird in die Gegenwart mitgenommen und in eine eigentlich nicht gewusste Zukunft projiziert. Und genau da liegt oftmals der Kern des Problems, der einen Teufelskreis in Gang setzt. Ein kleines Beispiel dazu:
Ein Kind hat keinen guten Tag. Vieles misslingt ihm, es stellt sich zu schwierige Aufgaben, die es dann frustrieren. Es bringt den Unmut zum Ausdruck: schreit, weint, jammert. Einem Kind in dieser Lage beizustehen und es zu begleiten erfordert viel Aufmerksamkeit und am Ende des Tages ist man als Elternteil erschöpft. Für ein Kind zählt immer nur der gegenwärtige Moment. Als Erwachsene fangen wir jedoch oft an „zusammenzufassen“ und erhalten den Eindruck, dass alles schlecht läuft, alles nur anstrengend ist und man verliert vielleicht immer rascher die Geduld. Die Reaktionen auf das kindliche Verhalten oder auf Handlungen des Kindes fallen vielleicht immer weniger empathisch aus, worauf das Kind sich immer öfter unverstanden fühlt und vielleicht dann noch mehr weinen oder jammern muss, um das zum Ausdruck zu bringen. Plötzlich zeigt das Kind das Verhalten, was man erwartet, das es zeigen wird. In der Psychologie spricht man hier von „selbsterfüllenden Prophezeiungen“.
Nach so einem Tag hilft es vielleicht, sich in der Früh ganz bewusst daran zu erinnern, dass gestern vergangen ist und ein neuer Tag viele neue Situationen bringt. Vielleicht schafft man es auch, mal besser mal schlechter, sich darauf zu besinnen, dass es auch an schwierigen Tagen schöne Momente gibt. Es kann helfen, abends den Tag Revue passieren zu lassen und sich einen besonders schönen Moment festzuhalten. Dieses Gefühl kann dann der „Startpunkt“ des neuen Tages sein.
Kein Perfektionismus
„Nur wenige Eltern verwenden Methoden, bei denen das Kind ausschließlich als Objekt behandelt oder stets mit ihm gemeinsam Lösungen gesucht werden und nur bei wenigen Eltern ist die Liebe immer an Bedingungen geknüpft oder immer frei von Bedingungen. Die meisten von uns sind irgendwo in der Mitte zu finden.“ (Kohn 2013: S. 243)
Dieser Beitrag möchte ein wenig in Erinnerung rufen, dass kein Mensch perfekt ist. Kinder sind es nicht, Eltern sind es auch nicht. Kinder erwarten auch keine perfekten Eltern, sondern lebendige, authentische Eltern. Diese Eltern können für Kinder ein Vorbild sein, wie man mit sich und seinen Gefühlen in Verbindung stehen kann, wie man diese annehmen und auch wieder ziehen lassen kann. Vielleicht schafft man es auch einige Tage nicht wirklich aus einer Abwärtsspirale auszusteigen, bzw. gerät immer wieder in dessen Sog – vielleicht weil man gerade müde ist, Stress auf der Arbeit hat, das Kind immer wieder den eigenen wunden Punkt trifft…..Gründe gibt es viele. Das, was für das Zusammenleben, meiner Ansicht nach, wichtig ist, ist sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass man Vergangenes hinter sich lassen kann und dem gegenwärtigen Moment eine neue Chance gibt.
Literatur:
Kohn, Alfie: Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. Arbor-Verlag 2013.
Foto: Maresa Gallauner