Erziehungsfragen - Blog

Zeitgemäß, also angemessen? Medienkonsum im Kleinkindalter

Von julia am 25/09/2018 - 07:33
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Medienkonsum bei Kinder führt immer wieder zu Diskussionen: wie viel, ab wann und was? Vor einigen Wochen habe ich bereits einen Beitrag über „Medienkonsum“ geschrieben. Da ich jedoch immer wieder auf neue „Errungenschaften“ stoße oder gestoßen werden, möchte ich heute das Thema nochmals aufgreifen.

Aktuell erlebe ich immer wieder, wie praktisch Eltern Halterungen für Tablet oder Smartphone am Kinderwagen finden – nicht auf die Eltern ausgerichtet, sondern für das Kind. Seit dieser „Errungenschaft“ könnten sie endlich wieder längere Besorgungen im Baumarkt oder ähnlich großen Geschäften gemeinsam mit dem Kind machen oder auch einmal Kleidung für sich selbst einkaufen. Meldet man Bedenken an, so kommt als Hauptargument, dass es eine „zeitgemäße“ Beschäftigung sei.

Zeitgemäß? Für wen?

Kinder, im „typischen“ Kinderwagenalter sind 0-2 Jahre alt. Im 3. Lebensjahr sollten Kinder eigentlich nur noch in solchen Fällen im Kinderwagen geführt werden, in denen Wegstrecken nicht vollständig zu bewältigen sind oder Schlafenszeiten des Kindes unterwegs verbracht werden. Wir sprechen also bei der Zielgruppe dieser Display-Halterungen von den Allerkleinsten. Altersgemäß ist diese Art der Beschäftigung somit sicherlich nicht. Bildabfolgen von Spielfilmen oder Zeichentricksendungen sind für Kinder diesen Alters zu schnell. Das menschliche Auge ist auch nicht für eine andauernde Fixierung im Nahbereich gemacht – man bedenke nur, wie ungesund längere Bildschirmarbeit ist – und das dann noch in einem Alter, in dem sich das Auge erst noch entwickelt.

Kinder sind an ihrer Umwelt interessiert

Sie möchten erfahren, was wir machen, wie wir das machen, was für Ansichten wir haben, welche Entscheidungen wir treffen und wie wir diese treffen, usw.

Wenn man bedenkt, dass der Einsatz von Smartphones genutzt wird, um „gemeinsam“ Besorgungen zu erledigen, dann führt das am Ziel vorbei….gemeinsam ist dabei nämlich nichts mehr. Das Kind weiß dann vielleicht immer noch nicht, was es in einem Baumarkt zu kaufen gibt, was die Familie konkret aus dem Baumarkt braucht, wie sich die Eltern für ein Produkt entscheiden, dass sie es schaffen andere interessante Produkte nicht zu kaufen, usw. Eigentlich wird das Kind vom gemeinsamen Geschehen abgelenkt.

Ja, Ablenkung ist Zeitgeist, aber sollte der nicht hinterfragt werden?

Ablenkung, „Bespaßung“ - keine Zumutungen ertragen müssen

Längere Besorgungen können für Kinder wirklich anstrengend sein, so wie auch Kinder lieber mit den Eltern spielen, als darauf warten zu müssen, weil Mama oder Papa noch schnell saugen müssen. Im Leben gibt es jedoch immer wieder Zumutungen und Kinder sollten lernen, dass nicht alle vermieden werden können (z.B. den Einkauf ohne Kinder zu organisieren) und, dass sie ertragen werden können und vor allem auch diese Zeiten vergehen werden. Mehr noch: man kann sie vielleicht im Rahmen der Möglichkeiten angenehm gestalten. Kinder sind so im Schöpferischen und nicht mehr in der Opferrolle. Um diese Zeiten gestalten zu lernen, müssen Kinder aber ihre Umgebung wahrnehmen und in Interaktion mit ihren Bezugspersonen sein.

Werden sie davon abgelenkt und ihre Aufmerksamkeit durch andere Dinge (z.B. ein Smartphone) gebunden, so können sich diese Momente der kreativen Schöpfung nicht ergeben. Sie können keine Fragen stellen, sie erfahren nichts über Sichtweisen ihrer Eltern, sie sind nicht gezwungen sich aus der Langeweile, die so ein Einkauf mit sich bringen kann, selbst zu befreien. Kinder können nämlich auch in diesen Situationen sehr kreativ sein und Spielideen umsetzen, z.B. wird der Einkaufswagen zur Müllabfuhr und Kinder stehen auf dem Wagengestell und steigen ab, um Tonnen zu leeren, usw. Ja, dadurch verlängert sich der Einkauf (auch wenn Kinder z.B. anfangen sich Sachen in den Regalen anzusehen), aber es ist für die Kinder gewonnene Zeit.

Oft höre ich von begeisterten Nutzerinnen und Nutzern, dass es „ja nur für kurz“ sei oder „nicht den Tag bestimmt“ - das mag stimmen und ist natürlich sehr positiv. Aber es sind oft genau jene Momente, die wichtige Erfahrungen bereithalten, die durch den Einsatz solcher Geräte verunmöglicht werden.

Ich möchte Medien nicht verteufeln und es gibt durchaus sinnvolle Einsatzmöglichkeiten. Die Frage ist nur, ob Kleinkinder, die gerade mitten im Spracherwerb sind, deren Hauptentwicklungsaufgabe Beziehungsaufbau ist, die Kommunikationsregeln erfahren wollen und Teil ihrer Umwelt sein wollen, im Medienkonsum wirklich eine angemessene Beschäftigung finden.