Erziehungsfragen - Blog

Sind Pädagogen die besseren Eltern?

Von julia am 06/03/2018 - 08:44
Top Mom

Vom Fach müsste man sein – diesen Eindruck erlange ich öfters, wenn ich mit Eltern ins Gespräch komme. Die vorherrschende Idee ist, dass wenn man nur genug Theorien im Kopf habe, dass der Alltag mit Kindern quasi ein Selbstläufer wäre.

Wenn ich mir dann mein Familienleben ansehe, dann kommt bei mir immer wieder die Frage hoch: Ist das so?

Ein Blick in die Geschichte – der Fall Pestalozzi

Sehen wir einmal kurz in die Geschichte der Pädagogik, so ist ein Beispiel, das einem dazu direkt einfällt Pestalozzi – einer der „großen Pädagogen“: Kindergärten, Tageseinrichtungen, usw. werden nach ihm benannt. Und sein „Erfolg“ als Vater? Er versuchte die Theorie Rousseaus 1:1 bei seinem Sohn anzuwenden und scheiterte damit auf ganzer Linie (dies wurde in einem Tagebuch dokumentiert). Er vergaß, dass Theorien hypothetische Konstrukte sind – Gedankenspiele und oft vor allem wissenschaftlichen Kategorisierungen dienen. Theorien sind Ideale (oder Vorstellungen von Idealen), denen man sich höchstens annähern kann.

Reflexiv, aber emotional verstrickt

Zugegeben, die meisten Pädagogen und Pädagoginnen sind so reflektiert, dass sie diese absolute Sicht auf Theorien nicht mehr vertreten. Es ist auch zugegebener Maßen wirklich eine gewisse Hilfe Orientierung im Nachdenken über Kinder zu haben. Theorien helfen durchaus und vielleicht hilft auch eine gewisse reflexive Haltung, die man als professioneller Pädagoge an den Tag legen sollte, um dem Nachdenken im eigenen Familienleben einen besonderen Stellenwert zu geben. Warum ist es dann doch nicht einfacher, wenn man diesen Hintergrund hat? Weil man in der eigenen Familie nicht Pädagoge oder Pädagogin ist, sondern Vater und Mutter. Zu den eigenen Kindern pflegt man üblicherweise kein professionellen Verhältnis. Die Distanz fehlt, man ist emotional verstrickt. Die eigene Erziehungsgeschichte und Lebensgeschichte meldet sich – so wie bei allen anderen Eltern auch.

Die reflexive Haltung

Diesen „Vorteil“ einer reflexiven Haltung und theoretischen Wissens können sich jedoch alle Eltern aneignen. Es ist ein Zugeständnis „Fehler“ machen zu dürfen und gemeinsam mit den Kindern zu wachsen. Pädagogen werden auch nicht als Eltern geboren.

Egal ob jemand professionell im pädagogischen Bereich arbeitet oder nicht, jeder muss für sich und seine Familie den eigenen Weg in der Erziehung finden – diese Aufgabe stellt der Erziehungsalltag allen Eltern.

 

Foto: Maresa Gallauner