Nachgedacht: Förderwahn - der Verlust der Kindheit?
Oftmals sind Eltern verunsichert, wenn sie sehen, wie breitgefächert das Kursangebot für Säuglinge, Kleinkinder und Kinder ist. Von Babyschwimmen über Babymassage, PEKiP-Kurse, Spielräume, Zeichensprache für Säuglinge, musikalische Früherziehung, Rhythmik, Musikstunden, Sportkurse und so weiter. Man verspürt vielleicht Druck sich mit den Angeboten zumindest auseinander zu setzen, man überlegt hin und her, ob man nicht das eine oder andere doch machen sollte – schließlich möchte man nicht, dass dem eigenen Kind ein Nachteil entsteht, weil es nicht von Anfang an gefördert wurde.
Vorneweg möchte ich betonen, dass viele Angebote wirklich gut sind und diese Kurse Berechtigung haben. Zu überlegen ist jedoch, wie viele solcher Angebote ich für mein Kind wirklich wähle, bzw. je nach Alter des Kindes das Kind wählen lasse. Ich empfehle von der Prämisse auszugehen: „weniger ist mehr“.
Babykurse
Ein Baby, das jeden Tag an einem anderen Kurs teilnimmt, kann rasch unter der Reizüberflutung leiden. Es wird vielleicht durch die Kurszeiten an seinem eigenen Schlaf-Wach-Rhythmus gehindert (und das im Extremfall täglich), durch unterschiedliche Kurszeiten kann sich aber auch kein stabiler neuer Rhythmus finden. Es muss sich immer auf neue Geräusche, Gerüche, Personen, usw. einstellen. Und es wird natürlich, je nach Art des Angebots, immer neuen Stimulationen „ausgesetzt“ (Musik, Berührung, usw.). Das alles kann überfordern, obwohl man als Eltern eigentlich genau das Gegenteil im Sinn hatte, nämlich optimale Förderung.
Man sollte auch die Frage zulassen, ob es wirklich immer im Entwicklungsinteresse des Kindes ist, an mehreren Kursen teilzunehmen, oder ob man nicht vielleicht als Elternteil eher Anschluss und Austausch sucht. Es ist berechtigt als Eltern den Wunsch zu verspüren nicht mit dem Kind isoliert zu sein, und Isolation ist auch nie gut – der Mensch ist ein soziales Wesen. Es ist dann jedoch ratsam zu überlegen, ob es nicht andere Wege gibt, um mit anderen Eltern in Kontakt zu treten oder zu bleiben, ohne dass es für das Kind einen geregelten Kurs gibt: Eltern-Kind-Café, ein Treffen im Park,….
Kurse für Kleinkinder und Kinder
Wird das Kind älter steigt die Anzahl an möglichen Kursen explosionsartig. Fast jedes menschliche Betätigungsfeld kann auch in Kursform ausgeübt werden: Malkurse, Bastel- und Werkkurse, Fotografiekurse, Sportkurse, Musikkurse (Instrumente, Tanz, Gesang), es gibt Lesekreise, Wandergruppen, Spielgruppen, usw.
Kurse können das Interesse der Kinder an einer Sache wecken oder unterstützen, Begabungen fördern oder (scheinbare) Defizite ausgleichen helfen. Kurse sind für Kinder jedoch oft anstrengend, da sie sich auf immer neue Gruppen einstellen müssen und angeleitet einer Tätigkeit nachkommen sollen. Selbst wenn das Kind einen Kurs besucht, der seinem Interesse entspricht, muss es sich dennoch in eine soziale Struktur einordnen und kann vielleicht nicht genau das machen, was es an dieser Tätigkeit interessant findet.
Den richtigen Kurs finden
Je kleiner das Kind ist, desto eher treffen ausschließlich die Eltern die Wahl, welche Kurse ein Kind besuchen soll. Die Gefahr besteht, dass Eltern dabei mehr ihren Neigungen nachgehen, als denen des Kindes. Das liegt auf der einen Seite daran, dass man Kleinkinder in die Kurse noch begleiten muss, also unbewusst etwas sucht, was man auch gerne hat. Auf der anderen Seite liegt hier der Wunsch vor, das Kind für Sachen zu begeistern, die man selbst auch liebt. Natürlich ist es einfacher ein Kind für etwas zu begeistern, wenn man es auch möchte. Aber warum versucht man nicht auch einmal den umgekehrten Weg und lässt sich von etwas begeistern, was das Kind schätzt?
Das Kind ist nicht ein Objekt, das die Träume der Eltern verwirklichen soll. Begleiten Sie Ihr Kind auf seinem Weg, indem Sie seine Persönlichkeit und Individualität wertschätzen.
Das Kind als Projekt
Es besteht die Gefahr, dass Eltern ihr Kind als Projekt sehen und die Individualität des Babys und später des Kindes leider aus den Augen verlieren. Bei der Auswahl eines Kurses kann man auch bereits in den ersten Monaten von den Vorlieben des Babys ausgehen. Liebt es zum Beispiel wechselnde körperliche Stimulation? Dann ist ein Babymassagekurs vielleicht eine gute Idee. Hat ihr Säugling schon bei der täglichen Pflegeroutine rasch genug Reize erhalten und meldet dann Unbehagen an, dann könnte die gut gemeinte Babymassage für dieses Kind (zu diesem Zeitpunkt!) zu viel sein. Aber vielleicht ist dies dann ein Baby, das besonders Klänge liebt. Dann könnte die Wahl auf einen Musikkurs fallen, usw.
Und vor allem: Babys entwickeln sich in den ersten Monaten so rasch, dass sich auch Vorlieben ändern können und ein Kurs, der beim dreimonatigen Säugling noch nicht gepasst hätte für den fünfmonatigen Säugling ein Genuss wäre.
Das Leben bildet
Ich möchte nochmals betonen, dass gegen die gelegentliche Teilnahme an dem einen oder anderen Kursangebot nichts einzuwenden ist. Aber ich möchte die Frage in den Raum stellen, ob das alltägliche Leben unsere Babys und Kinder nicht genug fordert und fördert?
Es gibt auch durchaus Kinder, die von sich aus gerne viele verschiedene Kurse besuchen möchten. Hier liegt es jedoch meiner Ansicht nach in der Verantwortung der Eltern darauf zu achten, dass das Kind auch genügend Möglichkeit erhält seine Freizeit selbst zu gestalten – das freie Spiel und die Teilhabe am Familienalltag ist die gesamte Kindheit hindurch das beste Entwicklungsfeld für ein Kind.
Foto: Maresa Gallauner