Erziehungsfragen - Blog

Nachgedacht: Bitte, Danke und andere Höflichkeiten

Von julia am 29/11/2016 - 08:11
Blümchen

Ein Vater steht mit seinem Kind an einer Supermarktkasse, das Kind bekommt von der Kassiererin eine Süßigkeit angeboten, das Kind nimmt diese freudestrahlend an, steckt sie in den Mund. „Wie sagt man?“ hört man plötzlich den Vater sagen. „Danke“ murmelt das Kind.

Szenen wie diese kann man täglich beobachten. Ich frage mich nur immer wieder: War das Kind denn vor dem Wort „Danke“ undankbar? Kann Dank nicht auch nonverbal ausgedrückt werden? Freuen sich Eltern nicht auch über „die freudestrahlenden Augen“ des Kindes, wenn es z.B. etwas geschenkt bekommt? Warum pochen Eltern vor allem in der Öffentlichkeit so sehr auf das gesprochene „Danke“?

Oder ein weiteres Beispiel:

Die Familie sitzt am Frühstückstisch. Das Kind hätte gerne ein Brot und sagt: „Ich möchte ein Brot“. „Wie sagt man“? fragt die Mutter. „Bitte“ sagt das Kind leise. „Ich möchte bitte ein Brot.“ wiederholt die Mutter die Bitte des Kindes als ganzen Satz. Sie gibt dem Kind eine Scheibe Brot. Das Kind beginnt konzentriert die Butter auf das Brot zu streichen. „Wie sagt man?“ fragt die Mutter. Reflexartig, ohne seine Konzentration vom Buttermesser zu lenken sagt das Kind „Danke“.

Bitte und Danke sind zwei Höflichkeitsfloskeln, die den meisten Kindern nahezu antrainiert werden. Oftmals wird dabei übersehen, dass Kinder, noch mehr als Erwachsene, selbstverständlich auf nonverbale Ausdrucksweisen zurückgreifen. Sie drücken ihre Emotionen noch ganz unverblümt ganzheitlich aus – auch wenn sie von etwas genervt, gelangweilt oder angeekelt sind. Dankbarkeit kann sich in so vielen Formen wahrhaftig ausdrücken, an die das bloße Wort „Danke“ nicht herankommen kann. Auf der anderen Seite ist das antrainierte „Danke“ oder „Bitte“ oft leblos und leer, fast schon ein Reflex.

Soll man Kindern nun gesellschaftliche Gepflogenheiten nicht lernen?

Vielleicht kann man nach meinen Ausführungen nun meinen, dass ich dagegen bin, dass Kinder gesellschaftliche Regeln kennen lernen. Das ist nicht der Fall. Ich stelle nur den am häufigst gewählten Weg in Frage. Die Idee Höflichkeiten und Umgangsformen quasi antrainieren zu müssen gründet sich nämlich auf der Annahme, dass Kinder von sich aus:

  1. an gesellschaftlichen Umgangsformen nicht interessiert sind
  2. keine Dankbarkeit zeigen wollen
  3. insgesamt nicht wertschätzend agieren.

Beobachte ich Kinder in sozialen Situationen (mit gleichaltrigen oder mit älteren Menschen), so erkenne ich, dass Kinder sehr genau beobachten, wie Menschen miteinander umgehen. Wird in Familien „Bitte“ und „Danke“ ganz selbstverständlich in Interaktionen genutzt, so übernehmen oft bereits Kleinkinder im zweiten Lebensjahr diesen Kommunikationsbaustein, indem sie (solange sie nicht einzelne Wörter sprechen) Laute für „Bitte“ und „Danke“ besetzen, die für die nahen Bezugspersonen unmissverständlich erkennbar sind. Kinder übernehmen nicht nur Wörter, sie nehmen im Alltag ganze Kommunikationsstrukturen wahr und probieren diese umzusetzen. Menschen sind soziale Wesen und somit von Geburt an daran interessiert in der jeweiligen Gesellschaft zu leben, deren Regeln, Strukturen und Gepflogenheiten kennen zu lernen (und teilweise auch in Frage zu stellen).

Umgangsformen in der Öffentlichkeit

Innerhalb der Familie werden nonverbale Ausdrucksformen noch eher akzeptiert. In der Öffentlichkeit geht es Eltern leider (un)bewusst häufig eher um die Außendarstellung der Familie oder der eigenen Erziehungsqualitäten. Unsere Kinder sagen Bitte und Danke, sie sind gut erzogen – also: ich mache meine Aufgabe als Vater oder Mutter gut. Es geht dabei zumeist nicht um das Kind. Sobald es nicht um das Kind geht, kann das Kind aus dieser Situation auch nichts brauchbares mitnehmen. Es erfährt vielleicht nur, dass für die Eltern die Außendarstellung der Familie wichtiger ist, als ihre tatsächliche Gefühlslage.

Warum nicht auch in solchen Situationen auf die Vorbildwirkung setzen? Bedanken Sie sich z.B. an der Supermarktkasse für die geschenkte Süßigkeit und machen Sie die Kassiererin auf die nonverbale Ausdrucksform, also auf die Gefühlslage des Kindes, aufmerksam. „Danke, dass Sie ihr/ihm das Bonbon geschenkt haben. Sein/Ihr ganzes Gesicht strahlt vor lauter Freude.“ Damit geben Sie dem Kind zu erkennen, dass Sie seine Dankbarkeit wahrgenommen haben und das fast schon magische Wort „Danke“ kommt ganz selbstverständlich vor.

 

Foto: Maresa Gallauner