„Mir ist so langweilig“ - Langeweile aufkommen lassen und die inneren Kräfte der Kinder wecken

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„Mir ist so langweilig“ - Langeweile aufkommen lassen und die inneren Kräfte der Kinder wecken

Von julia am 04/04/2017 - 09:16
Ruhe

In diesem Beitrag möchte ich eine Lanze für die Langeweile brechen: Kinder, langweilt euch! Langeweile aushalten können und von sich aus Antrieb und Motivation finden um eine neue Aufgabe in Angriff zu nehmen sind wichtige Fähigkeiten. Sie werden erstaunt sein wie kreativ Kinder werden, wenn sie sich Gedanken darüber machen können, was sie als nächstes tun wollen.

Struktur und Freiraum

Kinder erleben heutzutage zumeist einen sehr strukturierten Alltag. Was spricht dagegen? Strukturen sollen ja für Kinder so wichtig sein! Doch meist geht es hier um ganz andere Strukturen als jene, die der Entwicklung und dem Heranwachsen dienlich sind – es sind die Strukturen der „Erwachsenenwelt“: Arbeitszeiten, Urlaubsregelungen, usw. Dadurch sind Kinder meist auch in sogenannten „Betreuungsstrukturen“ untergebracht. Gut gemeint ist auch das vielfältige Kursangebot für Babys und Kinder, das den Alltag weiter planmäßig ablaufen lässt.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Mir ist durchaus bewusst, dass Erwerbstätigkeit notwendig ist und es gibt sehr gute Kurse. Gerade in den Babyjahren bieten solche Kurse auch die Möglichkeit sich mit anderen Eltern zu vernetzen. Ich plädiere jedoch altersunabhängig zu einem „weniger ist mehr“ - nur wirklich notwendige Fremdbetreuung und eine zielgerichtete Kursauswahl, die dem Kind noch genügend Freiräume lässt, denn: Kinder lernen im Freispiel!

Im Flow sein

Finden Kinder in ein konzentriertes Spiel bzw. verweilen sie in einer Tätigkeit (z.B. beobachten), werden sie jedoch oft wieder aus diesem/dieser „herausgerissen“ - wenn der Terminplan ruft. Natürlich gibt es Situationen in denen wir ein Kind zur Eile rufen müssen, wenn man z.B. einen Bus erreichen muss. Es gibt jedoch genügend Momente, in denen wir Kinder in ihrem Flow belassen können und dies dann auch tun sollten, denn es wäre gut, wenn sie „das zeitlose Verweilen nicht ganz verlernen“ würden (Merz 2006: Seite 114).

Diese fast schon Überstrukturierung des Familienalltags führt dazu, dass Kinder wenige freie Spielzeiten haben. Gemeinsame Spielzeit, in der Eltern nicht anderweitig beschäftigt sind, ist wahrscheinlich noch seltener. Kinder verfügen oft über viele Spielzeuge, oft mehr als sie wirklich bespielen können. In der Natur finden Kinder oft mehr Beschäftigung, weil Spielmaterialien nicht so schnell „abgespielt“ werden können.

Der Wert von Langeweile

Und wenn es doch zur Langeweile kommt? Eltern sind zeitweilig besorgt, wenn sie sehen, dass ihr Kind „nur daliegt“ oder auf dem Spielplatz „nur zuschaut“, fordern das Kind auf zu spielen oder sich eine Beschäftigung zu suchen, versuchen es vielleicht in gemeinsame Aktivitäten einzubinden oder spielen Animateur. Manchmal erscheint es fast als würden die Erwachsenen die Spannung, die Langeweile mit sich bringen kann, nicht aushalten und hoffen, ihr Kind würde bald wieder das Spiel aufnehmen, die Spannung somit abflauen lassen. Langeweile ist in unserer Gesellschaft negativ besetzt, denn sie bringt oft mit sich, dass jemand nicht produktiv ist, gerade nichts tut und somit dem an der Wirtschaft orientierten Gesellschaftsbild widerspricht.

Dabei kann Langeweile auch sehr positive Kräfte wecken: Kreativität, das Gefühl etwas nun wirklich machen zu wollen, man findet zu sich, man tritt mit sich, seinen Vorstellungen und Phantasien in Kontakt, man schmiedet Pläne und überlegt, wie diese umgesetzt werden können – alles Fähigkeiten, die üblicherweise positiv wahrgenommen werden. Nur eben der Zustand, der diese Kräfte wecken kann, die Langeweile – sie scheint unerwünscht.

Aktiv oder passiv?

Wesentlich ist zu erwähnen, dass zuschauen oder entspannt daliegen und vielleicht vor sich hin träumen durchaus auch als Tätigkeit gerechnet werden kann. Zuschauen und beobachten können ist eine wichtige Fähigkeit, um z.B. auch gemeinsam mit anderen spielen zu können oder um einen Anreiz zu bekommen selbst etwas zu versuchen. Das „Daliegen“ spricht dafür, dass es ein Kind schafft sich Pausen zu gönnen, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. Das Kind kann also für sich sorgen. Hat ein Kind genug zugeschaut oder konnte es wieder Kräfte sammeln, so beginnt für gewöhnlich die nächste Spielphase ohne Zutun eines Erwachsenen.

Also zuschauen oder ausruhen sind wichtige Tätigkeiten eines Kindes. Kommen wir noch zum „vor sich hinträumen“. Das machen vor allem Kinder, die sich auch „langweilen“ dürfen, die nicht bei der kleinsten Untätigkeit zu einer Aktivität aufgefordert werden. Sie können auch einmal ein wenig abschweifen, Gedanken kommen und gehen lassen und meist sehr unvermutet endet diese Phase und sie fallen in ein tiefes, konzentriertes Spiel. Dafür benötigen sie jedoch nicht nur Erwachsene, die ihnen mit Zurückhaltung begegnen, sondern auch eine Umgebung, die zum Spielen anregt, ohne z.B. durch eine Spielzeugflut zu überfordern und Zeit, um einerseits überhaupt in dieses „Träumen“ oder in die „Langeweile“ finden zu können, in dieser versinken zu können und dann noch Zeit, um die nächste Spielphase auskosten zu können – das ist vielleicht die größte Herausforderung in unserer schnelllebigen Gesellschaft.

Literatur:

Merz, Vreni (2006): Was Kinder können, bevor sie es lernen. Schlummernde Kräfte wecken und fördern. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder. Dieses Buch kann in der Bibliothek der Initiativ Liewensufank ausgeliehen werden.

Eine lange Fassung dieses Beitrags finden Sie in der aktuellen Baby Info 2/2017

 

Foto: Maresa Gallauner