Erziehungsfragen - Blog

„Mama, Papa, guckt mal!“ - Kinder wollen gesehen werden

Von julia am 06/09/2016 - 07:54
Bausteine

Auf Spielplätzen, im Park, beim Spiel zu Hause – unzählige Male am Tag fallen Sätze wie: „Mama, schau mal!“ oder „Papa, guck, was ich kann!“ Kinder drücken damit unverblümt ihr Bedürfnis aus gesehen zu werden, in ihrem Tun wahrgenommen zu werden und damit letzten Endes als Mensch geachtet zu werden.

Begleitete und freie Spielphasen

Eltern berichten zuweilen, dass ihre Kinder sie „beschlagnahmen“ würden, dass sie neben den Kindern nichts im Haushalt erledigen können oder gar einem Hobby nachgehen, solange die Kinder anwesend bzw. wach sind. Klar, es gibt Zeiten und Entwicklungsphasen, in denen es Kindern tatsächlich schwer fällt eine Beschäftigung aufzunehmen oder länger „bei der Sache“ zu bleiben. Sie fordern dann ihre Eltern auf mitzuspielen oder Spiele zu inszenieren, suchen vermehrt nach Körperkontakt oder verspüren den Drang ständig etwas erzählen zu müssen, um in Kontakt zu bleiben. Hält so eine Phase länger an, so kann man als Eltern tatsächlich den Eindruck gewinnen, nichts mehr alleine tun zu können oder nichts mehr „neben dem Kind“ zu machen.

Es gibt sie jedoch auch – die „ruhigeren“ Zeiten. Phasen, in denen sich Kinder auf sich und ihr Spiel einlassen können – das Kind kann ganz bei sich sein. Und oftmals wechseln sie mehrmals am Tag: begleitete und freie Spielphasen.

Einfach nur da sein

Und dann gibt es noch einen Bereich, der irgendwie dazwischen liegt – Kinder wollen nicht, dass sich Erwachsene an ihrem Spiel beteiligen. Sie wollen aber auch nicht, dass ihre Eltern dann etwas ganz anderes machen, vielleicht sogar in einem anderen Raum. Das ist der Punkt, an dem man „einfach nur da“ ist. Meist mit ein wenig Abstand zum Kind positioniert man sich und sieht zu, was das Kind macht, welche Aufgaben es sich stellt, wie es diese zu lösen versucht. Das Kind sucht mit Sätzen wie, „Mama, Papa, guckt mal!“ die Bestätigung, dass die Aufmerksamkeit ganz bei ihm ist. Oft sucht es dann auch den Augenkontakt um diese Bestätigung zu bekommen.

Gemeinsam lernen

Das Bedürfnis gesehen zu werden ist oftmals dann ausgeprägt, wenn das Kind neue Dinge erkundet, im motorischen Bereich etwas Neues ausprobiert (z.B. beim Klettern, Balancieren,…) oder auf eine eigene Leistung stolz ist und die Freude über das Gelungene teilen möchte. Das Kind bekommt vermittelt, dass das was es macht bedeutsam ist, dass es sich lohnt sich damit zu beschäftigen. Eine gute Basis um Lernprozesse in Gang zu halten.

Für die Eltern ist diese Zeit auch nicht „verloren“, auch wenn sie vielleicht das Gefühl haben „nichts“ zu machen. Genau genommen machen sie ja nicht „nichts“, sondern haben hier ein Zeitfenster um ihr Kind zu beobachten, zu erfahren womit es sich gerade beschäftigt, was ihm wichtig ist. Wird dem Bedürfnis des Kindes Rechnung getragen, so entsteht eine wertvolle, gemeinsame Zeit des Kennenlernens, des in Beziehung Tretens, des gemeinsamen Lernens.

Das Bedürfnis ist fürs Erste befriedigt

Konnte das Kind sein Bedürfnis gesehen zu werden befriedigen, hat es erlebt geachtet zu werden und wurde es in seiner Beschäftigung ernst genommen, dann folgen auf solche Zeitfenster oftmals freie Spielphasen, in denen das Kind ganz bei sich sein kann. Es ist sich dann nämlich sicher, dass die Bindung zu den Eltern bestehen bleibt, auch wenn es keine direkte Beteiligung der Eltern (z.B. in Form von Mitspielen oder Körperkontakt) gibt.

Den Moment genießen

Es ist nicht immer möglich den Alltag ausschließlich an den Bedürfnissen des Kindes auszurichten. Folgt man jedoch so oft wie möglich den Bedürfnissen des Kindes, stellt sich eine gewisse Langsamkeit ein. Das Leben findet im Moment statt. Gerade diese Zeiten, in denen man Beobachter sein kann, einfach nur für das Kind da ist und staunen kann, was das Kind gerade entdeckt, eignen sich hervorragend, um den Alltag ein wenig zu Entschleunigen.

 

Foto: Julia Strohmer