Erziehungsfragen - Blog

„Mach doch mal den Fernseher aus“ - Medienkonsum bei Kindern

Von julia am 19/06/2018 - 08:40
Medien

Immer wieder kommen Eltern mit Fragen zum Medienkonsum auf mich zu. Wie viel Handynutzung ist in welchem Alter ok? Ab wann darf ein Kind fernsehen? Schadet es einem Kind am PC zu spielen?

Keine pauschale Antwort

Wie bei allen Themen im Alltag mit Kindern, gibt es auch hier keine Rezepte. Zu individuell sind die jeweiligen Kinder und auch Eltern haben unterschiedliche Vorstellungen: Für die einen ist es ok, wenn ein Kind mit 9 Jahren ein eigenes Smartphone hat, andere Eltern schränken die Nutzung technischer Geräte drastisch ein.

Sich selbst im Blick

Wenn man anfängt darüber nachzudenken, welcher Medienkonsum für das eigene Kind gut wäre, sollte man zuerst einmal danach fragen, welchen Medienkonsum man selbst hat. Läuft den ganzen Tag der Fernseher im Hintergrund? Ist das Radio immer an? Wie oft schaue ich aufs Handy? Wie viel Zeit verbringe ich vor dem Computer und was mache ich dann?

Erwachsene sind Vorbilder für Kinder und Kinder beobachten sehr genau. Sie fordern authentische Eltern ein. Wenn man selbst alle 10 Minuten aufs Smartphone blickt, um ja nichts zu verpassen, ist es schwer einem Kind zu vermitteln, dass es selbst keine Medien nutzen darf.

Mit dem Kind absprachen treffen

Regeln aufzustellen, nur damit es Regeln gibt, ist in keinem Bereich der Erziehung ratsam. Solche Regeln werden nämlich von Kindern stark in Frage gestellt, weil sie nicht verstehen können, warum etwas in dieser Art reglementiert ist. Das führt zwangsläufig zu Konflikten. Oft ist es der bessere Weg von konkreten Anlässen auszugehen und dann zu überlegen, wie man es in das gemeinsame Zusammenleben integrieren kann.

Ich möchte heute ein Beispiel aus meinem eigenen Familienleben bringen. Vor etwa einem Jahr wollte ich meinen Kindern (damals fast 4 und fast 2 Jahre alt) ein Lied vorsingen, aber mir ist einfach der Text der zweiten Strophe nicht mehr eingefallen. Was habe ich gemacht: Ich habe den Laptop eingeschaltet und das Lied auf youtube angehört. Die Kinder waren fasziniert von dieser neu entdeckten Möglichkeit. Mein ältester Sohn hat gefragt, was der Computer noch so singen kann, wir haben darauf hin drei Kinderlieder angehört. Von diesem Moment an kam täglich die Frage, ob sie nicht Lieder hören dürften. Wir haben dann die Vereinbarung getroffen, dass sie täglich drei Lieder hören dürfen – im Wechsel darf sich einer ein Lied und einer zwei Lieder wünschen (es gibt noch ein drittes Kind, das zu diesem Zeitpunkt fast geboren war, und wir haben auf die Zukunft hin, dass er sich wohl auch einmal ein Lied wünschen möchte, drei Lieder festgelegt). Für die Kinder ist diese Zahl „3“ somit nichts willkürliches, sie wissen, dass es einmal so sein wird, dass jeder einen Liedwunsch haben wird.

Diese Abmachung hilft auch Diskussionen klein zu halten. An einigen Tagen probieren die Kinder mit Ideen wie „Mama, wünschst du dir auch ein Lied?“ noch eine längere Zeit am Computer auszuhandeln und je nach Situation ist es an manchen Tagen auch möglich. Aber auch hier geht es nicht um Willkür, sondern darum zu schauen, ob z.B. noch Zeit für ein weiteres Lied ist, usw.

Das selbe gilt mit Medien wie Fernsehen, Hörbücher, Handy: es ist immer ratsam auf die Kooperationsbereitschaft von Kindern zu setzen. Was möchte das Kind denn wirklich? Welche Vorstellung von der Nutzung hat es? Gibt es Einschränkungen, die sich „natürlich“ ergeben (z.B. der Computer kann nur dann genutzt werden, wenn Papa nicht arbeiten muss)?

Selbstbestimmter Medienkonsum

Immer wieder lese ich in Elternforen, dass sie Kinder selbstbestimmt Fernsehen (o.Ä.) lassen möchten und dann verwundert sind, dass die Kinder den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Selbstbestimmung setzt viele Fähigkeiten voraus: Selbstregulation, Bedürfnisse aufschieben können, usw. Es ist also etwas, das sich entwickeln muss. Ein 2 oder 3-jähriges Kind ist damit oftmals eher überfordert, als das man über diesen Weg sein Selbstbewusstsein stärken würde.

Insgesamt kann man sagen, wenn man, egal in welchem Alter, zur selbstbestimmten Nutzung von Medien übergeht, dass Kinder diese gewonnene Freiheit erst mal ausnutzen werden: sie haben vielleicht noch nicht das Vertrauen, dass das Fernsehen am nächsten Tag wirklich wieder möglich sein wird. Alles ist neu, faszinierend. Oftmals vergeht diese Faszination über die Zeit und Kinder sind wirklich nach 20 Minuten zufrieden und drehen das Gerät ab. Der Ehrlichkeit halber möchte ich aber auch sagen, dass das nicht alle Kinder schaffen und Medien schon einen gewissen Suchtfaktor haben. Hier wäre es günstig den Medienkonsum nicht zu verbieten. Die verbotenen Früchte schmecken besonders süß und Kinder sind dann geschickt darin im Verborgenen diese Sehnsucht auszuleben – das ist jedoch gerade das, was man als Eltern nicht anstreben sollte.

Den Medienkonsum begleiten

Kinder sollten in ihrem Medienkonsum begleitet werden. Eltern sollten wissen, was ihre Kinder sehen. Kinder vor den Fernseher zu setzen, damit man endlich ein paar Minuten für sich hat, ist keine optimale Lösung. Besser ist es, mit den Kindern gemeinsam ganz gezielt eine Sendung anzuschauen und danach auch wirklich abzuschalten. Man weiß dann, mit welchen Themen sich ein Kind vielleicht im Spiel befassen wird, weil es das gerade gesehen hat. Man merkt die Reaktionen des Kindes – ist es verunsichert, verschreckt, amüsiert?

Das Gesehene kann dann mit dem Kind noch besprochen werden, Themen über Bücher nochmals aufgegriffen werden, usw. Das Kind hat dann etwas davon – die Medien haben einen Mehrwert.

 

Foto: Maresa Gallauner