Erziehungsfragen - Blog

Geschwister: Zwischen Liebe und Streit

Von julia am 08/11/2016 - 08:25
streit

Eine Freundin sagte vor vielen Jahren einmal zu mir: „zu niemandem empfand ich solch eine Liebe, aber gleichzeitig solch einen Hass, wie zu meinem Bruder“. Geschwisterbeziehungen zeichnen sich oftmals durch sehr intensive Gefühle aus. Man erlebt Bruder oder Schwester als Teil von sich, von der Familie, aber auch als „Störenfried“ mit dem man seine Eltern (und andere Ressourcen) teilen muss. Denken Eltern über ein weiteres Kind nach, so sind die Überlegungen oft begleitet von Ängsten, ob man es schafft beiden Kindern „gerecht“ zu werden, ob sich die Kinder mögen werden, usw.

Sozialgefüge Familie

Innerhalb einer Familie hat jede Person seinen Platz, seine Position. Als die Eltern sich kennen lernten, haben sie sich als Paar gefunden und definiert. Jeder hatte da seine Rolle, seine Aufgaben. Es kam mit der Zeit eine schützende Routine und man konnte sich auf den anderen verlassen. Wird diese Dyade (Zweierbeziehung) durch ein Kind erweitert, entsteht eine völlig neue Konstellation. Das Paar muss sich öffnen und sich auf ein Drittes einlassen (es kommt zu einer Triade), aber es muss auch als Paar weiterhin bestehen. Das ist die Krux am Elternsein und Paar bleiben – der Wechseln zwischen Beziehungen. Sind drei Menschen in einem Sozialgefüge, so bestehen 3 Paarbeziehungen (Eltern, Mutter-Kind, Vater-Kind) und die Beziehung als Familie. Alle Beziehungen wollen genährt werden und man nimmt eventuell unterschiedliche Positionen ein. Da das Kind sich rasch entwickelt, verändern sich auch die Aufgaben und Positionen. Das heißt, selbst wenn man sich gegen ein weiteres Kind entscheidet, weil man gerne die Ordnung beibehalten möchte, sich vor der Veränderung fürchtet, findet eigentlich ständig eine Wandlung statt (oder müsste im Interesse des Kindes stattfinden).

Die Geburt eines Geschwisterkindes

Kommt nun ein weiterer Mensch in das bestehende Sozialgefüge, so ändern sich Positionen und Aufgaben meist radikal. Das ist dann die Unordnung und Unruhe, die viele Eltern gerade in der Anfangszeit erleben. Es findet ein Umbruch statt. Nun zeigt sich besonders deutlich, dass Beziehungen (auch sichere Bindungen) nichts stabiles sind, sondern wachsen müssen und täglich gefestigt werden sollten. Die Geburt eines Geschwisterkindes kann ein Kind sehr verunsichern. Es stellt die Beziehung zu den Eltern in Frage und stellt dabei auch seine Position in Frage. Es muss sich neu finden, so wie sich auch die Eltern in ihrer Rolle mit zwei Kindern neu finden müssen. Viele Eltern beschreiben es wie die Unruhe, die das erste Kind gebracht hat – bis eben jeder seine Position gefunden hatte.

Der ideale Altersunterschied

Oft hängt damit auch die Frage zusammen, welcher Altersunterschied für die Kinder ideal wäre. Liest man unterschiedliche Ratgeber, so erfährt man, dass der Idealabstand zwischen den Kinder zwischen 18 Monaten und 7 Jahren angenommen wird – je nach Theorie, die hinter der Aussage steckt. Wirklich Orientierung gibt einem das kaum...18 Monaten ist vielen zu knapp, zwischen mehreren Kindern immer 7 Jahre vergehen zu lassen liegt zumeist jenseits der Realität. Betrachtet man das Gesamtgefüge „Familie“ so ist jeder Idealabstand nur theoretisch – es muss einfach passen, sich gut und richtig anfühlen. Dass einem während der Schwangerschaft dann vielleicht doch Zweifel kommen, oder auch nach der Geburt man sich Fragen stellt, ob es der richtige Zeitpunkt war, ist ganz normal. Spricht man jedoch mit einer älteren Generation darüber, so kann man doch überrascht sein: diese Planbarkeit und Überlegung war den meisten einfach fremd. Die Kinder kamen der Reihe nach, so wie sie sich eben angekündigt haben und irgendwie hat man sie dann auch noch „groß bekommen“. Das hat alles Vor- und Nachteile. Den größten Nachteil an der Planbarkeit sehe ich im Potential für Selbstzweifel und der Wunsch von vielen, alles perfekt und ideal machen zu wollen. Druck, Stress und überbordende Selbstzweifel sind jedoch kein guter Nährboden für ein gutes Zusammenleben.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Kommt es zu Konflikten, z.B. zu aggressivem Verhalten gegenüber dem Baby, kommt es oftmals bei den Eltern zur Reaktion das Baby zu schützen und das Geschwisterkind zu bestrafen. Das Kind erlebt sich nun als „böse“ oder „gefährlich“, fühlt sich von den Eltern nicht geliebt. Kommt es öfters zu solchen Szenen, wird dieses Gefühl ins Selbstbild des Kindes übernommen und es handelt immer häufiger so, wie es der Zuschreibung entspricht. Dies bestätigt wiederum die Eltern – ein Teufelskreis.

Natürlich muss die körperliche und seelische Unversehrtheit des Babys (aber auch des Kindes!) gewährleistet werden. Natürlich können Eltern es nicht zulassen, dass ein Kind auf ein Baby einschlägt, es beißt oder tritt. Es ist nur wichtig, was dem Kind dann vermittelt wird...kann es z.B. in seiner Trauer angenommen werden, ist das für ein Kind etwas anderes als zu erleben, dass es als böse oder als Gefahr für das Baby angesehen wird. Kann der Elternteil z.B. das Kind in den Arm nehmen (womit verhindert werden kann, dass das Baby geschlagen wird) und sagen: „Du bist traurig, weil nun zwei Kinder hier wohnen“ ist es für das Kind eine völlig andere Situation, als wenn es hört „Geh in dein Zimmer. Das Baby zu schlagen ist böse.“

Die erste Situation ermöglicht nämlich mit dem Kind in Kontakt zu treten und zu bleiben. Das Kind ist nicht in „Angriffshaltung“, sondern fühlt sich in einem Gefühl angenommen. Fühlt sich ein Mensch angenommen, so ist er eher bereit zuzuhören. Der Elternteil kann dann z.B. das Kind darauf aufmerksam machen, dass das Baby mit dem Weinen zeigt, dass es etwas nicht möchte, dass ihm z.B. der Schlag weh getan hat. Das Kind erfährt so nebenbei, dass das Baby, auch wenn es so hilflos erscheint, kompetent ist. Es wird so für das Kind „greifbarer“ als Mensch.

Sich geliebt fühlen

Die Angst, seine Eltern zu verlieren ist für ein Kind bedrohlich, aber eine normale Reaktion. Es ist bis zu einem gewissen Alter physisch von seinen Eltern abhängig, aber auch psychisch braucht es seine Eltern. Die Geburt eines Geschwisterkindes löst die Angst aus für die Eltern nicht mehr wichtig zu sein, nicht mehr geliebt zu werden. Können die Eltern dem Kind auch in Konfliktsituationen so begegnen, dass es sich angenommen und geliebt fühlt, dann erfährt das Kind, dass seine Angst unbegründet ist. Erlebt es jedoch größten Teils Tadel und erhält negative Zuschreibungen, dann wird seine Angst verstärkt. In der Panik vielleicht wirklich die Liebe zu verlieren, versucht das Kind nun immer mehr auf sich und seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen – mit allen Mitteln, die dem Kind zur Verfügung stehen. Es fühlt sich in seinem physischen und psychischen Überleben bedroht. Auch hier gilt es den Teufelskreis zu durchbrechen.

Streit unter Geschwistern

Wie eingangs erwähnt ist die Beziehung unter Geschwistern oftmals von intensiven Gefühlen geprägt. Auch wenn sie zeitweise harmonisch spielen, kommt es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten. Kinder sind sehr impulsiv, womit es durchaus „zur Sache“ gehen kann, wenn Kinder streiten. Der eine will seine Schwester umbringen, die nächste wünscht sich das Geschwisterkind auf den Mond. Je nach Altersunterschied sollten Eltern sich mehr oder weniger aus den Streitigkeiten raus halten – außer Kinder fragen nach konkreter Unterstützung. Kinder lernen am Vorbild oft rasch, wie man mit Konflikten umgehen kann und probieren unterschiedliche Strategien aus. Ist der Kräfteunterschied zwischen den Kindern sehr groß und sind die Kinder noch sehr jung (Kleinkindalter), dann benötigen sie mehr Hilfe (oft fehlen ihnen die Worte und lösen deshalb ihre Konflikte körperlich) oder sie können noch nicht recht artikulieren, was sie überhaupt möchten. Gerade wenn es um die Sicherheit der Kinder geht, gilt es frühzeitig einzugreifen. Entscheiden Sie sich zu handeln, sollte es aber in einer Form geschehen, die dem Kind das Gefühl vermittelt, dass es in seinen Bedürfnissen angenommen wird.

 

Foto: Maresa Gallauner