Für Sie gelesen: Was Kinder können, bevor sie es lernen

Erziehungsfragen - Blog

Für Sie gelesen: Was Kinder können, bevor sie es lernen

Von julia am 19/04/2017 - 09:21
Bücherhimmel

In unserer Leistungsgesellschaft wächst der Druck auf Eltern ihre Kinder ja früh genug zu fördern, zu trainieren und mit angeleiteten Tätigkeiten zu konfrontieren. Diese oft gut gemeinte Förderung wird jedoch rasch zur Überforderung – Kinder werden in ihrer Entwicklung und in der Entfaltung ihrer Kräfte eher ausgebremst als angeregt.

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, das diesen „Trend“ kritisch betrachtet und gezielt darauf hinweist, wie viele Kräfte in den Kindern angelegt sind und nur darauf warten sich entfalten zu dürfen – in einer geschützten, familiären Umgebung, also mitten im Leben und nicht ausschließlich durch Kursprogramme oder Fördereinheiten.

Merz, Vreni (2006): Was Kinder können, bevor sie es lernen. Schlummernde Kräfte wecken und fördern. Verlag Herder: Freiburg im Breisgau.

Dabei geht die Autorin schrittweise von einer kurzen Gesellschaftskritik aus und entfaltet welche Kräfte in den Kindern schlummern, die sie alle benötigen um ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Durch eine aufmerksame, zurückhaltende Haltung der Erwachsenen können Kinder in alltäglichen Situationen all jene Kräfte entwickeln, die sie für ihr zukünftiges Leben brauchen werden (selbstwirksam sein, motiviert an eine Sache herangehen, Fragen stellen und kritisch denken, usw.).

Das Kernstück des Buchs ist ein Überblick über die inneren Kräfte der Kinder, die darauf warten geweckt zu werden. Dieser Teil ist sehr lebensnah gestaltet, jeweils mit einer Einstimmung, einem kurzen Einstieg, worum es bei dieser Fähigkeit geht, einer Alltagsgeschichte und abschließenden Kommentaren.

Sehr feinfühlig geht die Autorin dabei vor, weckt auch die Lust der Eltern ihre Kinder genau zu beobachten und auf ihre Bedürfnisse und Anregungen einzugehen. Es ist auch ein Plädoyer für eine gewisse Langsamkeit im Alltag mit Kindern, die Momente ermöglicht, in denen Kinder sich ausprobieren können, in denen sie staunen und die Welt entdecken können.

Abschließend geht die Autorin darauf ein, dass unser Umgang mit Kindern davon abhängt, wie wir die Kinder sehen – sind sie Schützlinge (die von uns Hilfe und Behütung benötigen) oder Sprösslinge (die die Möglichkeit benötigen wachsen zu können)? Die Antwort liegt wie immer in der Mitte.

Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch, das auch gut zwischendurch gelesen werden kann, da die einzelnen Abschnitte kurz gehalten sind. Es regt zum Nachdenken an und lädt zum Mitfühlen ein.

 

Foto: Maresa Gallauner