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Für Sie gelesen: Von der Erziehung zur Einfühlung

Von julia am 26/07/2016 - 07:52
Baby Fingers

Ich möchte Ihnen ein Buch aus dem wahrscheinlich weniger bekannten Arbor-Verlag vorstellen.

Von der Erziehung zur Einfühlung Cover
Quelle: Arbor-Verlag

 

 

Naomi Aldort: Von der Erziehung zur Einfühlung. Wie Eltern und Kinder gemeinsam wachsen können. Arbor-Verlag 2009.

Das Buch wird aktuell nachgedruckt, kann aber bestellt werden und ist ab November lieferbar.

 

 

 

 

Dieses Buch ist kein klassischer Erziehungsratgeber, sondern setzt sich zum Ziel, dass Eltern über das Zusammenleben mit Kindern und die Gestaltung des Familienalltags nachdenken und aus Überzeugung versuchen einen (möglicherweise) neuen Weg zu gehen, bzw. sich bestärkt fühlen einen eingeschlagenen Weg, jenseits von Belohnung, Drohung und Strafe weiterzugehen.

Der Grundgedanke der Autorin lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Oftmals reagieren wir in herausfordernden Situationen nicht so, wie wir es gerne würden, weil wir in Gedanken, was alles wie sein sollte, gefangen sind. Befreien wir uns von diesen Gedanken, dann können wir feinfühliger mit unseren Kindern umgehen und Kooperation tritt an die Stelle von Kontrolle.

In sechs Kapiteln beschreibt die Autorin, was ihrer Meinung nach für Kinder im Familienleben zentral ist und wie ein achtsamer Umgang verschiedene Probleme im Alltag mit Kindern vermeiden oder lösen hilft.

Zentrales stellt sie deshalb an den Beginn des Buchs, wenn sie dafür plädiert das Verhalten des Kindes verstehen zu wollen und eine Art der Selbstbeobachtung anzuwenden, um herauszufinden, wie man in stressigen oder konfliktreichen Alltagssituationen mehr den Bedürfnissen des Kindes entsprechend reagieren könne. Sie nennt dies die SALVE-Formel:

S für Selbstgespräch

A für Aufmerksamkeit auf das Kind richten

L für Lauschen, was das Kind sagt

V für Verständnis äußern

E für Ermutigung des Kindes

 

Diese Art der Kommunikation ermöglicht es wertschätzend dem Kind zu begegnen, dem Kind zu helfen seine Gefühle anzunehmen und damit umgehen zu lernen.

Im zweiten Kapitel schreibt sie über bedingungslose Liebe. Ihre Kernaussage ist hierbei, dass Liebe keine Belohnung sei, sondern Basis jeder Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Häufig müsse man sich nur von Ängsten (Angst keine Kontrolle zu haben, Angst, was andere über einen denken, usw.) befreien, um bedingungslose Liebe zuzulassen. Dabei ist es wesentlich, dass nicht nur Eltern davon überzeugt sind, ihr Kind bedingungslos zu lieben, sondern dass auch das Kind es so wahrnimmt. Dafür ist es auch wichtig auf Tonfall, Mimik, Gestik, usw. zu achten, damit Worte auch wirklich so ankommen, wie sie gemeint waren.

Über diese Ausführungen gelangt die Autorin zu einer weiteren Grundaussage des Buchs: man muss seinen Gefühlen Ausdruck verschaffen und Gefühle zulassen – und das auf beiden Seiten. Als Eltern sollte man authentisch sein, ohne das Kind zu belasten (oder für seine Gefühle verantwortlich zu machen) und sich selbst viel wert sein, denn dann könne man auch andere wertschätzen. Kinder hingegen sollen mit ihren Gefühlen angenommen und ernst genommen werden. Der Ausdruck von Gefühlen soll nicht unterbunden oder negiert werden. So haben Kinder die Möglichkeit zu lernen auf ihre Gefühle zu vertrauen, sie aushalten zu können, aber sie auch wieder loslassen zu können, um nach vorne zu blicken.

Das vierte Kapitel widmet Aldort dem Thema der emotionalen Sicherheit. Als Basis hierfür sieht die Autorin das Vertrauen in die eigenen Gefühle an. Dieses Vertrauen erlangt ein Kind, wenn es mit seinen Gefühlen angenommen wird und nicht versucht wird seine Gefühle oder Entscheidungen zu ändern. So kann das Kind sich als Urheber seiner Gefühle wahrnehmen und nicht als Opfer. Gefühle kommen und gehen – das Kind lernt auch mit Enttäuschungen, Wut und Ärger umzugehen, diese zuzulassen und wieder weiterziehen zu lassen. Erfahren Kinder Wertschätzung (und werden sie nicht bestraft oder beschämt, weil sie teils unerwünschte Gefühle zum Ausdruck bringen), so können sie rascher wieder nach vorne blicken. Das Kind wird als Vertrauter angesehen, nicht als Gegner. Eltern sollten deshalb Ich-Botschaften senden, die keine Anschuldigungen enthalten.

Im fünften Kapitel dreht sich alles um Autonomie und Macht. Aldort beschreibt lebendig wie oft sich Kinder in gewöhnlichen Alltagssituationen hilflos fühlen. Man sollte deshalb versuchen eine Umgebung zu gestalten, in der sich Kinder frei bewegen können, ohne das zu oft regulierend oder lenkend eingegriffen werden muss. Der Alltag sollte auch soweit es geht an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet werden und Kinder sollten Entscheidungen treffen dürfen. So können sie sich als autonom und mächtig erleben. Auch wenn all das bedacht wird, so gibt es immer noch viele Situationen, in denen das Kind seine Hilflosigkeit erfährt. Das kann zu Wut, Aggression oder auch Depressionen führen, so die Autorin. Das Kind benötigt dann ein Gegenüber, das seine Gefühle versteht und ihm hilft damit umzugehen. Eine Möglichkeit Kindern ein Gefühl der Autonomie und Macht zu geben sind Spiele, in denen es die Führung übernehmen kann und die seine Macht zeigen, Aldort gibt hier einige Beispiele. Spielen Erwachsene mit, so kann das für Kinder eine wichtige Erfahrung sein, nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Kinder wissen sehr wohl, dass es sich hier um ein Spiel handelt, Aldort sieht keine Gefahr, dass Kinder versuchen ihre Eltern auszunutzen oder zu manipulieren. Ihr Argument hierfür ist, dass Kinder, denen wertschätzend begegnet wird, keinen Anlass haben jemanden auszunutzen.

Das letzte Kapitel widmet die Autorin dem Selbstwertgefühl, das sie als Grundstein für eine gesunde psychische und soziale Entwicklung ansieht. Werden die Bedürfnisse eines Babys prompt befriedigt, so entwickelt sich bei ihm das Gefühl wertvoll zu sein. Das beeinflusst positiv die Entwicklung des Selbstbewusstseins und bewirkt auch soziales Verhalten.

Dies war nun ein kurzer Einblick in die Grundaussagen des Buchs.

Was denke ich darüber?

Es ist ein interessantes, lesenswertes Buch für alle, die darüber nachdenken, wie mit Kindern umgegangen werden kann. Es wird ein Weg aufgezeigt, der versucht ohne Strafen, Manipulation und Kontrolle auszukommen – Kooperation ist der zentrale Gedanke.

Ich habe öfters angefangen das Buch zu lesen, es wieder zur Seite gelegt, wieder gelesen – mal hatte ich das Gefühl, dass ich den Aussagen zustimmen könnte, mal hatte ich den Eindruck, dass ein übergroßes Ideal gezeichnet wird, was Eltern eher abschreckt neue Wege auszuprobieren, in der Angst es so und so nicht schaffen zu können. An einigen Stellen wird auch vage darauf hingewiesen, dass kein Kind in einer völlig achtsamen und immer wertschätzenden Umgebung groß werden wird, dass jeder fehlbar wäre, usw.

Insgesamt betrachtet wirken die Ausführungen von Aldort aber doch sehr „schönmalerisch“. Liest man die Beispiele, so fragt man sich, ob Kinder in dem Alter solch eine Wortwahl haben oder solch eine Reflexionsfähigkeit, oder ob einiges, was unter Anführungszeichen Kindern in den Mund gelegt wurde, nicht vielleicht doch an eine gewisse literarische Sprache angepasst wurde, auch wenn Kinder es vielleicht inhaltlich betrachtet gesagt haben.

Ein zweiter Gedanke, der mir gleich beim Lesen des Titels kam war, warum alle immer „weg von der Erziehung“ wollen. Das scheint ja ein gewisser Trend zu sein, man denke nur an Jesper Juul und sein Buch „Aus Erziehung wird Beziehung“. Ist Erziehung wirklich ein grundlegend falscher Ansatz oder versuchen die Autoren und Autorinnen nur wirksam darauf aufmerksam zu machen, dass in ihren Ansätzen Erziehung anders gedacht wird? Findet wirklich keine Erziehung statt?

Meiner Ansicht nach findet in all diesen Ideen ebenfalls Erziehung statt. Das Buch von Aldort ist voll von Vorstellungen, welche Verhaltensweisen und Eigenschaften wünschenswert sind, welche Formen von Macht angebracht sind, usw. Es werden auch Hinweise gegeben, wie diese Idealvorstellung erreicht werden, bzw. wie man sich ihr möglichst annähern kann. Es wird von Erziehung gesprochen, nur in einem neuen Licht, mit anderen Erziehungszielen und anderen Erziehungsmitteln.

Betrachtet man eine gängige Definition von Erziehung und stellt dem ein Zitat aus dem Buch gegenüber, so erkennt man doch die Schnittmengen.

Erziehung ist … dasjenige Handeln, in dem die Älteren (Erzieher) den Jüngeren (Edukanden) im Rahmen gewisser Lebensvorstellungen (Erziehungsnormen) und unter konkreten Umständen (Erziehungsbedingungen) sowie mit bestimmten Aufgaben (Erziehungsgehalten) und Maßnahmen ( Erziehungsmethoden) in der Absicht einer Veränderung ( Erziehungswirkungen) zur eigenen Lebensführung verhelfen, und zwar so, dass die Jüngeren das Handeln der Älteren als notwendigen Beistand für ihr eigenes Dasein erfahren, kritisch zu beurteilen und selbst fortzuführen lernen“ (Bokelmann, in Speck & Wehle 1970, S. 185). Quelle: http://lexikon.stangl.eu/1410/erziehung/
© Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik

Und nun das Zitat von Aldort, in dem sie von Machtspielen spricht, die Kinder initiieren, um Autonomie und Macht zu erfahren:

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, dass Ihr Kind sich ein solches Spiel ausdenkt, um ständig zu stören oder alles durcheinanderbringen zu dürfen. Im Gegenteil, Kinder unterscheiden sehr klar zwischen Spiel und Realität. Indem man ihr Bedürfnis zu spielen unterstützt, ermöglicht man ihnen ein sicheres Ventil für ihre angestauten Emotionen und beugt schädlichen Ausdrucksformen von Macht vor.“ (Seite 222)

Auch hier wird von einem Generationenverhältnis ausgegangen, es gibt Lebensvorstellungen und konkrete Umstände. Es wird eine Maßnahme als positiv hervorgehoben (das Mitspielen solcher Spiele) in der Absicht, dass sich das Verhalten eines Kindes verändert (nämlich schädlichen Ausdrucksformen von Macht vorgebeugt wird oder, wenn diese da sind durch den Ausdruck wieder aufgegeben werden). In Aldorts Ansatz wird auch davon ausgegangen, dass Erwachsene als Beistand fungieren, damit Kinder selbstbestimmt ihr Leben führen lernen, und Erwachsene mit ihrer hilfsbereiten und gütigen Art Vorbildfunktion haben, usw.

Warum ist es nicht möglich am Erziehungsbegriff festzuhalten, jedoch die Besonderheit der gewählten Mittel in den Vordergrund zu stellen? Warum nicht von Erziehung durch Beziehung, durch Einfühlung, usw. sprechen?

Ich gehe davon aus, dass:

  • Kinder kooperativ sind, wenn ihnen wertschätzend und achtsam begegnet wird,
  • Aggressionen und Wut, aber auch Resignation ihren Grundstein in einem Missverstehen von Kindern haben können,
  • Kinder nicht beschämt werden dürfen,
  • man Kinder auf ihren Weg begleiten sollte und nicht ihren Weg für sie gehen kann,
  • man gemeinsam mit seinen Kindern an Herausforderungen wachsen kann,

aber das alles ist für mich Teil von Erziehung!

 

Foto: Thomas CC BY 2.0

 

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