Für Sie gelesen: Das Baby ist da! Was nun?

Erziehungsfragen - Blog

Für Sie gelesen: Das Baby ist da! Was nun?

Von julia am 15/11/2016 - 07:56
Entenfamilie

Kinderbücher, die die Ankunft des Geschwisterkindes thematisieren gibt es wie Sand am Meer. Nicht alle sind wirklich passend – oft überwiegt ein negativer Grundton „was tut man denn dem (meist) Erstgeborenen nur an?“ oder es kommt eine „Gegenüberstellung“: Das kann das große Kind nun alles nicht mehr machen, dafür kann es bei folgenden Bereichen in der Babypflege helfen.

Das Buch, das ich nun vorstellen möchte ist von Catherine Leblanc & Eve Tharlet mit dem Titel „Das Baby ist da! Was nun?“ verlegt in der Michael Neugebauer Edition.

Das Baby ist da! Was nun?
Quelle: Minedition

 

DAS BABY IST DA! WAS NUN?

Autorin : Leblanc, Catherine

Illustratorin : Tharlet, Eve

22 x 29,3 cm

32 Seiten

durchgehend farbig illustriert, cellophanierter Pappband

EUR 13,95 , (A) 14,40

ISBN : 978-3-86566-188-3

 

 

 

Die Geschichte

Der kleine Bär bekommt eine Schwester. Erst freut er sich auf sie, aber als er merkt, dass sie keine Spielkameradin ist, überwiegt die Eifersucht und das Gefühl, bei seinen Eltern keinen Platz mehr zu haben. Man erfährt die Gedanken des kleinen Bären, was finden nur alle so toll an einem schreienden, stinkenden Baby? Der kleine Bär verschließt sich, kommt dann aber auf die Idee wieder Baby sein zu wollen und sich zu seiner kleinen Schwester auf die Spieldecke zu legen. Er beginnt sie genauer anzusehen, zu riechen, tritt mit ihr in Interaktion und möchte sie dann halten. Am Ende der Geschichte vertröstet der kleine Bär seine Eltern – er habe nun keine Zeit, er ist mit Anna beschäftigt.

Dieses Buch ist in einigen Punkten deutlich anders als andere Bücher zu diesem Thema:

  • Erstens werden die Protagonisten als Tiere dargestellt, der kleine Bär ist wahrscheinlich als Junge angenomen, aber irgendwie ist es auch offen gelassen. Das Geschwisterchen ist im Geschlecht festgelegt, bekommt sogar einen Namen. Die fehlende menschliche Darstellung und die mehrdeutige Darstellung des „großen“ Kindes erleichtert manchen Kindern die Identifikation mit den Figuren.
  • Zweitens wird die Schwangerschaft als solche nicht thematisiert (Entstehung eines Babys, Vorsorgeuntersuchungen, Geburt) – je nach Alter des Geschwisterkindes hat dies durchaus Vorteile.
  • Drittens geht es nicht darum, wie das Geschwisterkind in der Babypflege helfen kann oder was es alles mit dem Baby tun kann. Es darf es selbst sein, auch mit negativen Gefühlen.

Trotzdem wird auch hier stark thematisiert, dass keiner Zeit hat mit dem kleinen Bären zu spielen und es gibt auch eine Abbildung, in der Mama und Papa das Baby anhimmeln und der kleine Bär steht traurig abseits.

Was denke ich über das Buch?

Ich stelle mir die Frage, wie viele Kleinkinder (der kleine Bär wird so dargestellt, dass er in etwa 3 Jahre alt ist) von sich aus auf die Idee kommen die Perspektive zu wechseln, um zu entdecken, welch ein Wunder so ein kleines Geschöpf ist? Das erscheint mir ein wenig „schönmalerisch“. Vielleicht liegt die Idee zu Grunde, das Kinder animiert werden sollen, aufgrund des Buchs, solch eine Perspektive einzunehmen. Übrig bleibt dabei immer noch der Aspekt, dass entwicklungsbedingt Perspektivenübernahme im Kleinkindalter nicht möglich ist.

Sehr schön finde ich hingegen die Szene, in der der kleine Bär mit seiner Schwester „redet“, mittels Lautmalerei und das Baby versucht dies nachzumachen. Das ganze wird mit dem Text begleitet „Das ist nun das erste Mal, dass sie etwas zusammen machen.“ Danach baut der kleine Bär für sie einen Bausteinturm. Hier tritt der kleine Bär mit ihr in Interaktion und zwar von sich aus. Er erlebt, dass sie an ihm und an der Umwelt interessiert ist und, dass er mit ihr in Kontakt treten kann und zwar in seiner Weise, ohne dass er angeleitet in der Babypflege hilft.

Ein Bilderbuch für Eltern?

Dieses Buch schwankt somit zwischen erfrischend positiven Aspekten und nicht realisierbaren Ideen. An einigen Stellen habe ich mich auch gefragt, ob es nicht eher ein Buch für werdende „Zwei-Kinder-Eltern“ ist – einfach zum Nachdenken, wie sich das ältere Kind dann fühlen könnte und, dass es auch negative Gefühle und Gedanken haben darf. Das Buch kann auch ein wenig wachrütteln, wie es für ein Kind wohl sein mag, wenn es abseits steht, wenn die Eltern nur dem Baby zugewandt sind. Auch der Schluss, als der kleine Bär seine Eltern zurückweist, indem er sagt, dass er nun keine Zeit hätte, verstehe ich als eine Botschaft an die Eltern zu überlegen, ob man wirklich für eine Anfrage des älteren Kindes keine Zeit habe, oder ob sich etwas nicht vielleicht doch für einige Minuten aufschieben lässt (sicherlich nicht, wenn das Baby Hunger anmeldet, aber ob es um 10.00 Uhr oder um 10.15 Uhr badet ist oftmals wahrscheinlich egal). Für Eltern ist es vielleicht auch schön zu sehen, dass das ältere Kind nicht nur in die Pflege eingebunden werden soll, damit es sich nicht ausgegrenzt fühlt. Oftmals haben Geschwisterkinder auch gar nicht so das Interesse da zu helfen oder erleben es im schlimmsten Fall als Pflicht. Die Interaktion zwischen dem kleinen Bär und Anna zeigt schön, dass sich eine Beziehung zwischen den Kindern entwickeln kann, dass sie sich kennenlernen und in Kontakt treten können.

Ich habe nun schon viele Kinderbücher gelesen, die die Ankunft des Geschwisterkindes thematisieren, aber irgendwie habe ich noch keines gefunden, das nicht überwiegend negative Aspekte aufgreift. Die Idee der Perspektivenübernahme finde ich hier schön, jedoch erst für Kinder ab dem Grundschulalter ansatzweise realisierbar. Tatsächliche Perspektivenübernahme (ich kann erkennen, warum ein Baby für seine Eltern faszinierend ist und nicht nur laut und stinkend) ist überhaupt erst ab dem Jugendalter (etwa 12 Jahre) möglich. Es kam bei mir die Sorge hoch, dass Eltern dies aufgrund der Vorlage des Buchs von ihren Kindern erwarten könnten.

Wirklich erfreulich war die Darstellung der Interaktion zwischen den Geschwistern.

Für welches Alter geeignet?

Schwierig finde ich die Frage, für welches Alter das Buch denn nun zu empfehlen ist. Aufgrund der fehlenden Informationen über Schwangerschaft, Untersuchungen und Geburt wäre es eigentlich für Kinder unter 2 Jahren geeignet. Doch aufgrund des weiteren Inhalts und der Komplexität der Geschichte ist es für dieses Alter gar nicht gedacht. Der Aspekt der Perspektivenübernahme ist, wie bereits ausgeführt, frühenstens für Kinder ab 6 Jahren möglich. Die schönen Szenen zur Interaktion sind jedoch auch für 3-jährige Kinder fassbar. Alles in allem bleibt bei mir immer noch das Gefühl, dass es eigentlich ein Buch für die Eltern ist.

 

Foto: Maresa Gallauner