Erziehungsfragen - Blog

Die "Wir"-Identität

Von julia am 27/11/2018 - 07:19
Familie

Die was? Denken Sie sich vielleicht jetzt beim Lesen dieser Überschrift. Über Identitätsbildung ist ja vieles bekannt...aber was soll eine "Wir"-Identität sein? Es geht hier nicht um Teambuilding oder eine bestimmte Gruppendynamik....

„Das sagt man halt so“

Es klingt so banal und manche haben den Eindruck, dass es ja nicht schlimm ist: „Man sagt das halt so“ - und ich habe auch lange überlegt, ob ich diesen Artikel veröffentlichen soll oder nicht. Aber ja, es ist wichtig ihn zu veröffentlichen, denn es ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen als eigenständiges Subjekt wahrgenommen zu werden.

Was ich hier beschreiben möchte ist die Beobachtung, dass manche Eltern fast ausschließlich in der „Wir“-Form mit und über ihre Kinder sprechen. „Wir haben heute solchen Hunger.“ - als Antwort auf die Frage, ob das Kind immer zwei große Butterbrote isst. „Wir bekommen gerade den ersten Zahn.“ - wenn man erzählt, dass das Baby anfängt zu Zahnen. „Wir haben diese Woche viele Hausaufgaben“ - obwohl eigentlich das Kind sie auf hat….Ist doch schön, die Eltern identifizieren sich mit ihrem Kind – oder?

Identitätsbildug durch Sprache

Kinder sind von Anfang an an Sprache interessiert. Sie nehmen alles auf wie ein Schwamm. Über die Sprache gelangen sie zu einem Teil ihres Selbstbildes: werde ich liebevoll angesprochen oder barsch? Welche Wörter werden gewählt, um mich zu umschreiben? Wie ist der Klang der Sprache?Und dann ganz wichtig: Wie werde ich genannt? Kinder lernen ihren Namen sich zuzuordnen. Sie müssen auch über die Sprache verstehen lernen, dass sie ein eigener Mensch sind, mit eigenen Vorstellungen, Wünschen, Ängsten, usw.

Kinder, die sich nur über ein „Wir“ kennen lernen, haben oft Probleme ihr Selbstbild abzugrenzen, sich nicht nur als Teil der Eltern zu sehen. Es zeigt sich oft in der psychosozialen Entwicklung, dass diese Kinder nicht wissen, wie sie sich abgrenzen und selbst erfinden können. Wer bin ich? Wie sehen mich die anderen?

Denken Sie nur einen Moment daran, wie es für Sie wäre, wenn sie nur als Teil des Elternpaares gesehen werden würden oder als Teil Ihrer Eltern. Sie würden nicht als eigenständiger Mensch gesehen werden, sondern immer als ein Teil eines „Wir“….wie wäre das für Sie?

„Helikoptern“ oder begleiten?

Die Wir-Perspektive ist auch oft ein wenig „gefährlich“ für Eltern. Sehr rasch befindet man sich in dem Bereich, der aktuell als „Helikoptern“ bezeichnet wird – das ständige kreisen um das Kind, dem Kind jede Arbeit und Herausforderung abnehmen wollen, usw.

Wie hängt das zusammen? Bleiben wir beim Zahnen...das Baby bekommt die Zähne. Es spürt die Schmerzen und fühlt sich nicht wohl. Wenn man so will, dann kann man sagen, dass das Baby diese Herausforderung meistert – es ist sein Körper, sein Empfinden, usw. Natürlich ist es schön für dieses Baby, wenn es mitfühlende Eltern hat. Wenn die Eltern mit ihrem Wissensvorsprung das Kind begleiten und ihm mit kühlen Beißringen oder einem Stück Brot Linderung verschaffen. Aber die Eltern bekommen den Zahn nicht.

Wenn wir den Eingangssatz mit den Hausaufgaben betrachten, dann sieht man schon das gesamte Ausmaß, dass die Wir-Perspektive einnehmen kann: die Eltern fühlen sich allumfassend für die Aufgaben des Kindes verantwortlich. Sie machen oft die Hausaufgaben auch mit – leider oft mit mehr Unterstützung, als dem Kind gut tun würde. Sie beziehen sich auch in die Schulleistungen mit ein: „Wir haben eine 5 in Mathe“ - sie lassen dem Kind somit wenig Raum für seine eigenen Gefühle innerhalb dieser Erfahrungen.

Teil des Erfolgs, Teil des Scheiterns

Die Eltern sind somit immer Teil des Kindes: Teil des Erfolgs, Teil des Scheiterns. Das kann auch dazu führen, dass Kinder anfangen ihren Eltern die Schuld zu geben, wenn ihnen ein Missgeschick geschieht oder sie z.B. für einen Schulausflug nicht alle erforderlichen Dinge eingepackt hatten. Diese Kinder geben einen Teil des Lernraums, einen Teil ihrer Verantwortung, einen Teil ihres Lebens einfach ab: sie können sich nicht selbstwirksam erleben, weil sie immer nur Teil eines „Wir“ sind. Identitätsentwicklung ist unter diesen Vorzeichen eine schwierige Herausforderung.

Zum Schluss

Sprache hat einen breiteren Wirkungskreis, als man vielleicht denken möchte. Es wirkt auf uns, wie mit uns und über uns gesprochen wird. Es bildet einen Teil unseres Selbstbildes und wir bauen unsere Identität auch über unsere Spracherfahrungen auf. Nehmen Sie Anteil am Leben Ihrer Kinder, begleiten Sie Ihre Kinder immer dort, wo sie Unterstützung benötigen – aber befriedigen Sie Ihrem Kind sein Grundbedürfnis nach Autonomie, Individualität und Selbstwirksamkeit.

 

Foto: Maresa Gallauner