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Die Welt mit Kinderaugen sehen: Von Hexen, Monstern und Gespenstern – die magischen Jahre

Von julia am 16/08/2016 - 08:22
dunkle Bäume

Die Familie hat einen aufregenden, langen Tag hinter sich. Der Abend ist da, alle sind müde. Nach dem Abendessen beginnt die Abendroutine: waschen, Pyjama anziehen, noch eine Gute-Nacht-Geschichte. Das Kind legt sich ins Bett, bekommt eine Gute Nacht gewünscht – und kann nicht schlafen: Das Monster ist wieder unter dem Bett!

Typische kindliche Ängste

Früher oder später werden alle Eltern mit kindlichen Ängsten und Phantasien konfrontiert. So irreal sie uns auch erscheinen mögen – für die Kinder sind es reale Ängste: die Angst im Abfluss zu verschwinden, wenn das Badewasser ausgelassen wird; die Angst mit der Klospülung hinuntergespült zu werden; die Angst vor dem Monster unter dem Bett oder der Hexe im Schrank; Nachts tummeln sich die Gespenster im Kinderzimmer, usw.

Die magischen Jahre

Zwischen dem 3. und 5. Geburtstag ist das magische Denken bei Kindern am stärksten. Je jünger das Kind ist, desto grenzenloser erscheint die Phantasie. Alles scheint in dieser Phase möglich zu sein: fliegen, Superkräfte haben, etwas zum Verschwinden bringen oder sich herbeiwünschen.

Das kommt daher, dass Kinder noch nicht wirklich verstehen, dass ihre Vorstellung und ihre Gedanken nicht gleichbedeutend mit der Realität sind, bzw. anders ausgedrückt, dass ihre Vorstellungen und Gedanken nicht ursächlich die Realität beeinflussen können. Für Kinder in dieser Entwicklungsstufe sind die Gedanken real. Es gibt den Osterhasen, Nikolaus und Weihnachtsmann, es gibt Feen und Elfen, Drachen und Gespenster. Viele Kinder haben imaginäre Freunde oder Haustiere, mit denen sie allerhand erleben. Sie denken, dass sie die Sonne aufgehen lassen, weil sie eben aufgewacht sind, usw. Aber sie fürchten auch, dass andere Menschen etwas geschehen lassen können, z.B. die Sonne einfach verschwinden lassen.

Das magische Denken ist eine wichtige Entwicklungsstufe hin zum rationalen Denken.

Was können Sie tun, um dem Kind im Umgang mit den Ängsten zu helfen?

Verspürt ein Kind Angst oder Unbehagen, so benötigt es Rückhalt durch vertraute Erwachsene, meist sind das die Eltern (oder auch Großeltern,…). Sie suchen dann Schutz und Geborgenheit und erwarten sich einen „Verbündeten“ und keine Standpauke, dass es keine Monster gäbe, dass es lächerlich wäre zu denken, man wird in der Toilette hinuntergespült, usw.

1. Nehmen Sie die Ängste des Kindes ernst

Das fällt leichter, wenn die Perspektive des Kindes eingenommen wird und versucht wird in seine magische Welt einzutauchen. Das meint nun nicht, dass man das Kind dann in seinen Ängsten bekräftigen solle! Das Kind benötigt niemanden, der mit ihm leidet oder Angst hat, sondern jemanden, der es beschützt und ihm hilft eine Lösung zu finden.

2. Behalten Sie die Grundbedürfnisse eines Kindes im Blick

Ihr Kind sucht nun Nähe und Schutz. Ruft das Kind nachts, weil es Angst verspürt, ist nicht der richtige Moment dem Kind zu erklären, wie selbstständig es doch schon wäre und dass es nun direkt alleine weiterschlafen könne. Nehmen Sie Ihr Kind in den Arm, oft reicht schon diese Geste und das Kind kann weiterschlafen. Manchmal hilft es einem Kind, wenn es kurz erzählt, wovor es Angst hat und manchmal wird es sich wünschen, dass Sie am Bett sitzen bleiben, bis es wieder schläft.

3. Suchen Sie das Gespräch

Bleiben Sie mit Ihrem Kind in Kontakt. Nur so können Sie erfahren, welche Sorgen, Nöte und Ängste Ihr Kind verspürt. Ihr Kind sollte durch unzählige Erfahrungen wissen, dass es immer zu Ihnen kommen kann und Ihnen alles anvertrauen kann.

4. Zeigen Sie Verständnis

Oft braucht es nicht viele Worte, um dem Kind zu vermitteln, dass man es versteht: eine Umarmung oder ein Blick, der Zuversicht ausdrückt. Manchmal hilft es dem Kind auch, wenn es merkt, dass es normal ist auch einmal Angst zu verspüren, erzählen Sie Ihrem Kind eine altersgerechte Situation, in denen Sie auch einmal Angst hatten.

5. Bieten Sie an, gemeinsam eine Lösung zu suchen

Vielleicht entwickeln Sie mit Ihrem Kind gemeinsam ein Ritual, wie das Monster unter dem Bett vertrieben werden kann (oft muss das dann jeden Abend praktiziert werden). Ihr Kind nimmt Sie dann als Verbündeten wahr und fühlt sich mit der Angst nicht so alleine. Außerdem erlebt es sich als stark und wirkmächtig. Es kann aus der Opferrolle aussteigen.

Phantasien sind keine Lügen

Für Kinder sind die phantastischen Geschichten, die sie in dieser Zeit oftmals erzählen wichtig, um z.B. mit Ängsten oder starken Emotionen umgehen zu können. Kinder wollen sich mitteilen und in dieser Entwicklungsstufe ist alles durch die Phantasie des Kindes gekennzeichnet. Oftmals werden auch Erlebnisse ausgeschmückt oder Wünsche und Ängste finden in den Erzählungen Ausdruck. Sie in diesem Moment als Lügner hinzustellen bewirkt, dass sich Kinder in ihrem So-Sein nicht wertgeschätzt fühlen, weder mit ihren Gefühlen, noch mit ihrer lebhaften Phantasie.

 

Foto: Maresa Gallauner