Erziehungsfragen - Blog

Die Welt mit Kinderaugen sehen: „Ich bin besser als du!“

Von julia am 16/01/2019 - 09:15
Ziegenleiter

Wir kennen sie alle – die Sprüche unter Kindern: „Ätsch, ich habe eine bessere Note!“, „Ich bin schneller“, „Ich bin größer“, „Ich bin stärker“,…..oft verbunden mit hämischem Lächeln vorgetragen. Eltern ist es oft unangenehm, wenn sie dieses Verhalten bei ihrem Kind beobachten. Soll man es unterbinden? Ist dieses Vergleichen vielleicht wichtig?

Die kindliche Entwicklung schreitet voran

Sieht man sich das Alter dieser Kinder an, so bemerkt man, dass die meisten Kinder etwa mit 5 Jahren anfagen sich gerne mit anderen Kindern zu messen. Es gibt Theorien, dass dieses Vergleichen angeboren sei, da am Beginn der Menschheit nur jene überlebten, die stark, schnell, usw. waren.

Ich arbeite sehr gerne mit dem Stufenmodell nach Erikson und das bietet eine Erklärung für diese Entwicklung: im 6. Lebensjahr beginnt die Phase des Werksinns vs. dem Minderwertigkeitsgefühl. Kinder orientieren sich immer mehr an Unterschieden (zuerst vor allem an äußeren Unterschieden) und erkennen über diesen Weg wie sie im Vergleich mit anderen positioniert sind. Sie möchten selbst tätig sein, Leistung bringen und etwas erschaffen (produktiv sein). Sie fühlen und erleben aber gleichzeitig, dass sie das nicht in allen Bereich in gleicher Weise können und müssen auch mit dem Gefühl der Minderwertigkeit umgehen lernen, bzw. haben Angst davor zu versagen, nicht gut abzuschneiden, usw.

Kinder sind jedoch in dieser Phase sehr stolz auf eigene Leistungen (z.B. wenn sie es schaffen ohne Hilfe zu schwimmen oder Rad zu fahren) und können an diesen Erfolgserlebnissen wachsen.

Diese Entwicklungsphase überdauert die gesamte Grundschulzeit, bis hin zur Pubertät.

Vergleiche unter Kindern positiv sehen

Auch wenn das Kind vielleicht gerade ein kleiner Prahlhans ist und wir uns vielleicht wünschten, dass es nicht ganz so dick auftragen würde, wenn es über die eigenen Fähigkeiten spricht, so ist es für das Kind jedoch ein wichtiger Entwicklungsschritt. Kinder sind stolz auf das, was sie können und möchten das auch zeigen. In der Interaktion mit anderen Kindern werden sie auch schnell merken, wie ihr Verhalten ankommt und wie ihre Leistung im Vergleich zu anderen Kindern wirklich einzuordnen ist. So können Kinder ihre Stärken und Schwächen kennen lernen.

Kinder nicht untereinander vergleichen

Anders sieht es aus, wenn Eltern, Lehrer, Erzieher, usw. Kinder miteinander vergleichen. Das kann für Kinder beschämend sein und mehr ihre Schwächen betonen als ihre Stärken. Kinder erkennen selbst, ob sie etwas besser als jemand anderes können. Sie in diesem Punkt vorzuführen bedeutet oft, dass sie gar nicht mehr versuchen besser in dem Bereich zu werden. Sie geben somit einen Entwicklungsbereich auf oder schenken ihm wenig Beachtung, weil so und so z.B. die Schwester die sportliche der Familie ist. Der Bereich ist dann somit vergeben, das Geschwisterkind orientiert sich um, vielleicht in eine Richtung, die ihm gar nicht so gut gefallen hätte, wie der Sport.

Was kann ich nun tun?

Vergleiche unter Kindern sollte man gelassen sehen können. Vieles regelt sich durch die Gruppendynamik unter den Kindern und Kinder können so ihre Stärken und Schwächen kennen lernen.

Kinder benötigen oft Begleitung, um mit Frust, der durch das Erkennen eigener Schwächen aufkommen kann, umgehen zu lernen.

Man sollte dafür aber keinen neuen Vergleich anführen: „Dafür bist du musikalischer“, weil man dann Vergleichen eine große Bedeutung zumisst und das Kind glaubt, dass es ja doch wichtig ist, wo der beste zu sein. Besser man begleitet das Kind in seinem Gefühl: „Oh, das fühlt sich sicher blöd an, wenn man Martin schneller laufen kann“ und man nutzt die Gelegenheit, um dem Kind die eigene Gefühlswelt zu zeigen: „Ich fühle mich auch oft doof, wenn ich nicht so schnell bin wie….“ oder erzählt dem Kind, dass es einem selbst auch schon mal so gegangen ist: „In der Schule war ich oft beim Kurzstreckenlauf die letzte“. Das Kind fühlt sich dann verstanden und erlebt, dass man trotz dieser Erfahrungen gut weiterleben kann.

 

Foto: Maresa Gallauner