Der Wert des freien Spiels im Kindesalter
Kinder lernen im Spiel, oder allgemeiner ausgedrückt im Tätigsein. Dabei sind vor allem solche Tätigkeiten und Spiele wichtig, die das Kind selbstbestimmt ausübt, also aus eigenem Antrieb die Tätigkeit gewählt hat. Das Spiel kann hierbei sehr weit gefasst werden: es fängt mit der Erkundung der eigenen Hände und Füße im Säuglingsalter an, betrifft Tätigkeiten, wie das ein- und ausräumen, die Übung motorischer Fähigkeiten (z.B. klettern) und meint schließlich auch das Rollen- und Regelspiel ab dem Kleinkindalter.
Was ist Freispiel?
Im freien Spiel ist es für das Kind wesentlich, dass es Materialien und Spielzeug vorfindet, das seiner aktuellen Entwicklung entspricht, bzw. dafür genutzt werden kann und, dass es frei entscheiden kann, wann es mit welchen Dingen umgeht und in welcher Form es das macht. Damit das Kind wirklich frei in seiner Tätigkeit aufgehen kann, muss die Umgebung so gestaltet sein, dass das Kind gefahrlos experimentieren kann. Der Spielbereich muss kindersicher sein und das Kind benötigt eine begrenzte Auswahl an Spielmaterialien. Ist die Auswahl zu groß, verliert ein Kind sich rasch im Überangebot und kommt in keine konzentrierte Spielphase.
Die Rolle des Erwachsenen
Freispiel bedeutet nicht, dass man sein Kind sich selbst überlässt. Es bedeutet, dass man sich zurücknimmt und dadurch dem Kind Platz gibt. Eltern spielen z.B. nur dann mit, wenn sie vom Kind aktiv ins Spiel einbezogen werden (z.B. wenn Kinder für die Eltern etwas kochen und servieren). Man muss für das Kind aber noch erreichbar sein. Sehr schön ist es, wenn die Zeit genutzt werden kann, um das Kind in seinem Spiel zu beobachten. Erstens, weil man dann sehr viel über sein Kind erfahren kann und zweitens, weil sich Kinder so gesehen und wertgeschätzt fühlen.
Nicht immer ist es zeitlich möglich, das Kind intensiv zu beobachten, z.B. wenn man selbst in der Zeit kocht oder etwas im Haushalt erledigt – denn auch das gehört eben zum Familienalltag. Für ein Kind erreichbar sein ist auch etwas, das sich im Laufe der Zeit wandelt. Für einen Säugling bedeutet es, dass sich die Bezugsperson in unmittelbarer Nähe befindet, z.B. auf der selben Spieldecke. Kann ein Kind krabbeln oder gar schon gehen, kann es bedeuten, dass sich die Bezugsperson im selben Raum befindet. Für ältere Kinder ist es oftmals in Ordnung, wenn sich die Eltern in einem anderen Raum aufhalten, sie aber wissen, dass sie jederzeit zu ihnen gehen können. Wobei an dieser Stelle zu sagen ist, dass auch ältere Kinder sich freuen und es wertschätzen, wenn die Eltern ihnen beim Spielen zusehen oder sich einbinden lassen, bzw. auf der anderen Seite es respektieren, wenn sie ungestört sein möchten.
Kein Richtig oder Falsch
Im Freispiel ist es wichtig, dass Kinder Tätigkeiten selbst aufnehmen, aber auch selbst entscheiden können, wann sie damit fertig sind. Baut ein Kind z.B. einen Turm aus Stapelbechern und das Set besteht aus 10 Bechern, so ist es auch in Ordnung, wenn das Kind nach 8 Bechern den Turm als fertig ansieht. Maßregelungen an dieser Stelle führen nicht dazu, dass das Kind lernt, wie es richtig gehört, sondern das Kind fühlt sich in seiner Spielidee nicht ernst genommen. Im Freispiel gibt es kein Richtig oder Falsch – allein die Sicherheit des Kindes (und auch die Unversehrtheit der Umgebung) ist sicher zu stellen. Auf ein Spielende sollte ein Kind vorbereitet werden, damit es eine Tätigkeit noch zu einem für es angemessenes Ende bringen kann. Bei Kleinkindern eignen sich dafür akustische Signale (z.B. ein Lied, ein Gong), die anzeigen, dass die Spielzeit zu Ende geht. Natürlich kann auch eine mündliche Aufforderung diese Aufgabe erfüllen: Bitte komme zu einem Ende, wir gehen noch einkaufen. Wichtig ist, dass zwischen dieser Ankündigung und der Notwendigkeit z.B. das Haus zu verlassen genügend Zeit liegt, damit das Kind tatsächlich das Spiel noch abschließen kann und dann z.B. noch genügen Zeit hat, um sich die Schuhe anzuziehen.
Warum Freispiel?
Hat das Kind während eines Tages immer wieder die Möglichkeit zum freien Spiel, dann ist das Kind auch eher bereit angeleiteten Tätigkeiten zu folgen. Es hat erfahren, dass es auch immer Zeit gibt, in der es selbstbestimmt tätig sein kann. Das trägt nicht nur zur Entwicklung des Kindes bei, sondern führt auch zu einem entspannteren Familienklima.
Foto: Maresa Gallauner