Erziehungsfragen - Blog

Das ist doch für Mädchen…

Von julia am 02/10/2018 - 07:48
Dame

Glitzer, Rosa, Blümchen und Herzen, Röcke und Kleider – so vieles ist scheinbar nur für Mädchen. Es gibt viele Jungen, vor allem bis zum Grundschulalter, die das sehr ungerecht finden und auf die Frage, welche Farbe z.B. ihr Fahrrad haben soll auf jeden Fall „Rosa“ antworten. Es gibt Eltern, die das besorgniserregend finden. Doch gibt es einen Grund zur Sorge?

Farben haben kein Geschlecht

Grundsätzlich ist es unproblematisch. Es gibt den schönen Ausspruch, dass Farben kein Geschlecht hätten – Rosa ist einfach eine Farbe, wie Gelb, Orange oder Blau auch. Warum soll ein Junge kein rosa Fahrrad bekommen? Gerade in ästhetischen Fragen sollte es kein richtig oder falsch geben. Kinder können gerade im ästhetischen Bereich Entscheidungen treffen, weil die Entscheidung eigentlich nie falsch sein kann….ob die gewählte Jacke rot oder blau ist ändert nichts an der wärmenden Eigenschaft. Ich denke, dass es inzwischen auch bekannt sein sollte, dass Jungen, die als Kinder Kleider, Röcke oder Haarschmuck tragen, nicht mit Sicherheit als Erwachsene homosexuell sein werden - eine Angst, die immer noch fest in den Köpfen vieler Erwachsener verankert scheint.

Gesellschaftliche Einflüsse

Es gibt aber wohl kaum einen Bereich, der so stark von der Gesellschaft beeinflusst wird wie jener der Geschlechtszugehörigkeit. Das erleben Kinder leider oft, wenn sie in einer Familie groß werden, die versuchen geschlechtsneutral zu erziehen. Jungen, die mit Haarschmuck, Rock oder rosa Fahrrad unterwegs sind, werden von einigen Erwachsenen schief angesehen, von älteren Kindern, die in dem Bereich bereits „gut“ sozialisiert sind, ausgelacht oder ausgeschlossen.

Bis zu einem gewissen Alter ist es Kindern nämlich vollkommen egal, welche Farben Kleidung oder Gebrauchsgegenstände haben, ob jemand mit Puppen oder Autos spielt oder vielleicht in einem rosa Autositz fährt. Da Erwachsene, bzw. auch die Werbeindustrie dies jedoch häufig problematisieren, erkennen Kinder auch ein Problem darin. Wobei anzumerken ist, dass es problematischer für Jungen ist mit Kleid oder Haarschmuck herumzulaufen als für Mädchen, wenn sie ein T-Shirt mit Bagger möchten - auch eine Ungleichheit, die eigentlich keinen rationalen Grund hat.

Kinder in ihrem So-Sein stärken

Wünschen sich Jungen eine Puppe oder ein rosa T-Shirt, dann sollten sie nach Möglichkeit diese Wünsche erfüllt bekommen. Immer häufiger bringen sich Väter aktiv in die Erziehung ein und Jungen möchten auch mit einer Puppe als Baby „Papa“ spielen. Rollenspiele sind für die kindliche Entwicklung wichtig: Kinder können sich ausprobieren und Erlebnisse verarbeiten.

Viele Eltern möchten die Entscheidungen ihrer Kinder beeinflussen, damit sie vor anderen Kindern geschützt werden. „Nimm doch lieber die Kappe und nicht den Strohhut mit Glitzer“, „Das blaue Fahrrad ist doch viel cooler“, „Was machst du denn mit einer Puppe?“ - all das schwächt das Kind, weil es den Eindruck hat den Erwartungen der Eltern nicht zu genügen.

Vor Übergriffen schützen

Das Kind schützen zu wollen ist eine verständliche Absicht von Eltern. Wird es deutlich, dass das Kind in einem Umfeld ist, wo Ausgrenzung und Spott verbreitet sind (z.B. in der Schule, im Verein,….), dann kann man versuchen dem Kind den Unterschied zwischen Privatheit und Gesellschaft näher zu bringen: Du hast erlebt, das Kinder über dein Kleid lachen. Vielleicht ziehst du es nur zu Hause an und nicht in der Schule? Viele werden jetzt aufschreien und sagen, dass man ein Kind so schwächen würde, weil es sich für seine Vorlieben verstecken soll, also nicht es selbst sein darf. Ich habe jedoch schon oft erlebt, dass man in gewissen Umfeldern kein Umdenken erzeugen kann und Kinder so tagtäglich mit psychischer oder gar physischer Gewalt konfrontiert wären. Hier gilt es sehr wohl abzuwägen, was dem Kind mehr schaden würde.

Man kann mit Kindern, bereits ab etwa 4 Jahren, sehr wohl philosophische Fragen erörtern und diskutieren: Gleichheit und Ungleichheit; Privatheit und Gesellschaft; Unterschied zwischen gesellschaftlichen Abmachungen und Naturgesetzen, usw. Kinder haben sehr gute Gedanken und Überlegungen dazu. Sie fühlen sich in ihren Wünschen ernst genommen, aber beginnen auch die Sorgen der Eltern zu verstehen.

Übrigens gibt es auch Kinder, die sich so selbstsicher fühlen, dass sie darüber hinwegsehen, wenn andere Kinder lachen oder es komisch finden. Sie tragen das, was ihnen gefällt und stehen auch für ihre Entscheidung ein, wenn es notwendig sein sollte. In diesem Fall sollte man Vertrauen in sein Kind haben, dass es sich auch Hilfe holen wird, wenn es das Gefühl hat mit seinen Entscheidungen zu sehr anzuecken.

 

Foto: Maresa Gallauner