Erziehungsfragen - Blog

„Das hat sie mir geschenkt...ich habe sie nur nicht gefragt“ - Kinder und Moral

Von julia am 23/10/2018 - 07:59
Moralentwicklung

Von Natur aus „böse“?

In früheren Jahrhunderten ging man davon aus, dass Kinder „böse“ sind und erst durch Erziehung „gut“ werden müssen. Diese Sichtweise hat sich glücklicherweise gewandelt und es wird davon ausgegangen, dass Kinder „gut“ sind, so wie sie sind. Warum schlagen oder beißen Kinder, die selbst von Erwachsenen noch nie geschlagen oder gebissen wurden? Die Vorbildwirkung von Erwachsenen kann in dem Fall ja nicht als Grund herhalten.

Vom Wissen zum Handeln

Kinder wissen schon sehr früh (mit etwa 2 Jahren), was gut ist und was „böse“, was man macht und was man unterlassen soll. Soweit es ihre sprachlichen Fähigkeiten zulassen, können sie die Moralvorstellungen auch aufsagen: „Man schlägt nicht“, „Man beißt nicht“, usw.

Kinder sind jedoch sehr impulsiv und Impulskontrolle, sowie Empathie sind in diesen jungen Jahren noch nicht entwickelt. Impulskontrolle ist meist mit etwa 5-6 Jahren möglich, echte Empathie (in komplexen Zusammenhängen) sogar erst zwischen dem 9. und 12. Lebensjahr. Einfachere Situationen mitfühlend erfassen können Kinder schon früher.

Moral ist somit etwas, das von Anfang an angelegt ist, was sich jedoch über die Jahre entwickeln muss. Vom Wissen über Moral muss es zu moralischen Handlungen kommen.

Was sind Lügen?

Ist alles, was Kinder erzählen und nicht der Wahrheit entspricht, eine Lüge? Ist es eine Lüge, wenn ein Kind einen großen Korb nimmt, sich hineinsetzt und sagt: „Das ist ein Flugzeug“? Ich denke, dass jeder das als Phantasie, als Spiel wahrnimmt. Kinder lügen, etwa ab dem 4. Geburtstag, um sich einen Vorteil zu verschaffen, bzw. Strafen abzuwenden. Strafen führen auch dazu, dass Kinder mehr lügen, als Kinder, die ohne Strafen aufwachsen. Sie werden zu „Angstlügen“ gezwungen, für die sie dann wieder bestraft werden – ein Teufelskreis. An sich sind Lügen jedoch ein normaler Schritt in der Moralentwicklung. Kinder beobachten, dass Erwachsene manchmal lügen - es scheint teilweise gesellschaftlich geduldet zu sein. Sie müssen nun nur herausfinden, in welchen Fällen das zutrifft. Sie benötigen somit ein Übungsfeld.

Was ist zu tun?

Und was ist nun zu tun, wenn man merkt, dass ein Kind nicht die Wahrheit sagt? Wie muss man reagieren, wenn Kinder stehlen, schlagen, usw.?

Zuerst ist eine Atmosphäre der Wertschätzung und des gegenseitigen Vertrauens wichtig. Kinder, die wissen, dass sie für Fehltritte nicht die Liebe der Eltern verlieren und Strafen befürchten müssen, lügen weniger. Es ist wichtig, dass Kinder wissen, dass sie mit allem zu den Eltern kommen dürfen und es Lösungen geben wird.

Verdeutlichen Sie Ihrem Kind, wie es nun dem anderen Kind, das belogen, bestohlen oder geschlagen wurde, jetzt geht. Das fördert das Mitgefühl von Kindern. Es geht weniger um die eigene Verfehlung („Man stiehlt nicht“), als um die Perspektive des anderen. Das man nicht stiehlt, bekommt das Kind somit auch vermittelt, aber es lernt noch viel mehr: Perspektivenwechsel ist eine Grundvoraussetzung für Impulskontrolle und Empathie.

Ein Beispiel

Bleiben wir beim Beispiel aus der Überschrift. Das ist ein Satz eines 3-jährigen Kindes. Es kam mit einer schönen Spange aus dem Kindergarten heim. Der Papa fragte das Kind, woher es die Spange denn hätte, er habe sie noch nie bei ihr gesehen.

Das Mädchen antwortete darauf: „Die hat mir Mia geschenkt...ich habe sie nur nicht gefragt.“

In diesem Satz erkennt man sehr viel über den aktuellen Stand der Moralentwicklung:

  • Die Spange gefällt dem Mädchen, es möchte diese unbedingt haben.
  • Sie weiß bereits, dass stehlen nicht in Ordnung ist, deshalb wählt sie das Wort „schenken“ - was man geschenkt bekommt, das gehört einem schließlich.
  • Irgendwie merkt das Mädchen aber auch, dass das so nicht die ganze Wahrheit ist und hängt schnell an, dass sie Mia aber gar nicht gefragt hätte.
  • Sie offenbart somit ihre Lüge – was Kinder ab 4 Jahren in dieser Weise nicht mehr machen. 3-jährige Kinder haben oft noch Probleme so zielgerichtet zu lügen, ein 4-jähriges Kind hätte den Nachsatz für sich behalten, weil es weiß, dass sonst klar ist, dass es kein Geschenk war.

Was ist nun wichtig?

Bei diesem Beispiel ist wichtig, dass das Kind damit konfrontiert wird, dass das Verhalten nicht in Ordnung war. Es geht nun auf keinen Fall um Strafen, davon lernt ein Kind nicht. Es geht nun darum dem Mädchen zu vermitteln, wie sich Mia nun fühlen könnte:

„Mia ist doch jetzt sicherlich traurig, dass sie ihre Spange nicht mehr hat. Sie denkt vielleicht, dass sie sie verloren hat und muss weinen, weil sie die Spange nun nicht mehr bekommen wird. Oder sie sucht vielleicht ganz eifrig nach der Spange und weint, weil sie sie wieder haben möchte.“

Außerdem geht es darum, das Mädchen mit Mia zu konfrontieren:

„Die Spange gehört dir nicht. Mia hat sie dir nicht geschenkt, du hast sie schön gefunden und genommen. Morgen bringen wir die Spange mit in den Kindergarten und du gibst sie Mia zurück. Sie wird sich bestimmt freuen.“

Kinder sollten nicht gezwungen werden das Wort „Entschuldigung“ zu sagen – sonst verkommt es zu einer Floskel. Es geht um den Akt des Zurückgebens und darum, dass Mia es selbst macht. Fällt das Wort „Entschuldigung“ nicht, dann sagen Sie es einfach – das beobachten Kinder und werden es von sich aus übernehmen.

 

Foto: Maresa Gallauner