Erziehungsfragen - Blog

Buchtipp: Pau und die Wut

Von julia am 13/11/2018 - 11:56
Steilwand
Pau und die Wut Cover
www.mabuse-verlag.de

 

Olliver Merbeth-Brandtner

Pau und die Wut

Über ein starkes Gefühl und wie man damit umgeht

37 Seiten

Mabuse

2017

ISBN: 9783863213411

 

 

Habe ich ein Kinderbuch das erste Mal in der Hand, dann sehe ich mir immer zuerst die Illustrationen an – Bilder sind schließlich das, was bei den Kindern die größte Wirkung zeigt – zumindest, wenn Kinder noch nicht selbst lesen.

Die Bilder wecken die Lust den Text kennen zu lernen. Sie sind einfach gehalten, aber sehr ausdrucksstark und – sie erzählen eine Geschichte. Man erkennt bereits in den Illustrationen den Wechsel der Gefühle, die Verzweiflung und Entspannung.

Was bietet das Buch?

Doch das Buch hat mehr zu bieten als „nur“ eine Geschichte. Eigentlich besteht das Buch aus drei Teilen: die Geschichte, einen Teil, den Kinder selbst gestalten können „deine eigenen Wutseiten“ und einen Ratgeber für Erwachsene.

Nun aber zur eigentlichen Geschichte:

Bereits am Beginn der Geschichte wird das Kind miteinbezogen. Es wird nach seiner Meinung gefragt, wie alt Pau wäre. Das führt dazu, dass Kinder gleich zu Beginn vermittelt bekommen, dass die Geschichte mit ihnen zu tun hätte. Sie sind involviert und somit ein wenig Teil von ihr.

Im Text finden sich Kinder sicherlich wieder

Pau findet es doof:

  • wenn jemand zu ihm sagt er sei zu klein oder er sei doch schon so groß.
  • wenn er unterbrochen wird oder jemand ihm nicht zuhört oder ihn nicht versteht
  • wenn andere Ruhe wollen und er spielen
  • wenn etwas ungerecht ist, usw.

Dann wird aufgezeigt, was Pau macht, wenn er etwas doof findet: er knallt die Zimmertüre zu, er schreit (auch Schimpfwörter), es werden Wutwellen beschrieben, er hüpft und stampft und wird ganz wild.

Nun kommt die „Wende“: alles was Pau dann tun muss, wenn er so wütend ist, ist anstrengend. Er schwitzt, hat Kopfschmerzen und braucht Ruhe. Manchmal klopft jemand an seine Türe und mag reinkommen – manchmal darf er das auch. Wird Pau dann in die Arme genommen, verschwindet die Wut und man kann über alles reden.

Das Ende: „Und was macht Pau dann?“ Das Ende ist offen gehalten. Das Kind kann selbst überlegen, was Pau macht, wenn er mit sich und der Welt wieder im Reinen ist.

Wie liest sich die Geschichte?

Das Buch ist sehr anregend und stellenweise auch aufregend gestaltet. Die gewählte Schrift und die Farben der Illustrationen sind immer an den Text angepasst. Steht geschrieben, dass Pau hüpft, dann sind auch die Buchstaben „unordentlich“ in einem Wechsel von oben und unten angeordnet.

Auffällig ist auch die direkte, unverblümte Sprache. Es wird offen ausgedrückt, dass es Pau egal ist, was andere denken, wenn er die Türen knallt oder so laut schreit, dass allen die Ohren weh tun. Das bringt zum Ausdruck, dass Kinder in dem Moment nicht aufnahmefähig oder empathisch sein können. Die Wut muss raus, erst dann kann es zur Versöhnung und Aussprache kommen. Erst dann kann man auch erklären, wie es für einen selbst ist, wenn die Türen zugeschlagen werden, usw.

Die Unverblümtheit zeigt sich vor allem im Textteil über die Schimpfwörter.

Noch nie habe ich in einem Kinderbuch das Wort „Kackarsch“ gelesen – fett gedruckt in Blockbuchstaben mit Ausrufezeichen.

Ich musste beim ersten Lesen innehalten. Ich habe darüber nachgedacht, ob das stimmig oder passend wäre. Ob ich es meinen Kindern so vorlesen würde oder würde ich den Text an der Stelle abwandeln? Ich muss ehrlich zugeben – ich habe das Buch an der Stelle zugeklappt und zunächst anderes erledigt. Das Buch hat mir aber keine Ruhe gelassen – zu sehr war ich in der Geschichte drin, war mitten in Paus Wut und wollte wissen, wie sich das ganze entwickeln wird. Ich habe die Geschichte nochmals von vorne angefangen zu lesen. Ich habe sie bis zum Ende gelesen.

Ist die Sprache stimmig?

Ist das Wort „Kackarsch“ nun stimmig? Passt es in ein Kinderbuch? Ich muss sagen, es ist jedenfalls sehr radikal und lebensnah. Kinder schreien in ihrer Wut Dinge, die sie vielleicht nicht so meinen, die sie vielleicht nicht einmal genau verstehen, aber irgendwo aufgeschnappt haben. Wut ist unverblümt, stark, wild. Das alles zeigt die Geschichte sehr schön auf.

Mich hat das Wort zunächst gelähmt – ich konnte nicht weiterlesen. Kinder sind auch oft erschrocken über ihre Wut und ihren Gefühlsausdruck. Das kommt an dieser Stelle sehr gut bei einem erwachsenen Leser an. Ich finde überhaupt, dass gute Kinderbücher immer auch eine Botschaft für die Erwachsenen (Vor-)Leser haben.

„Deine eigenen Wutseiten“

Bücher können und sollen mit einem Kind auch „nachbearbeitet“ werden, besprochen werden, wie das nun alles war, wie es Pau ergangen ist, wie das Kind sich bei Paus Wut gefühlt hat, usw. Der Buchteil „Deine eigenen Wutseiten“ bieten dafür ein sehr schönes Gerüst, das Eltern und Pädagogen in Tageseinrichtungen gut nutzen können, um mit Kindern über den Umgang mit Wut zu sprechen.

Rat für Erwachsene

Der Ratgeber rundet das „Kinderfachbuch“ ab. Hier finden Erwachsene Tipps, wie mit starken Gefühlen von Kindern umgegangen werden kann, warum sie ihre Berechtigung haben, usw.

Fazit

Pau und die Wut – ein starkes Kinderbuch über ein starkes Gefühl und den Umgang damit.

Das Buch (Geschichte und die eigenen Wutseiten) ist für Kinder ab etwa 5 Jahren geeignet.

 

Foto: Maresa Gallauner