Erziehungsfragen - Blog

Bedürfnisse aufschieben können…..

Von julia am 29/05/2018 - 14:49
Geduldsfaden

Immer wieder erlebe ich, dass Eltern gerne bedürfnisorientiert erziehen möchten, aber dann oft an ihre Grenzen kommen. Frage ich nach, was denn ihre Erschöpfung ausmachen würde, bekomme ich oft zu hören, dass es ja fast unmöglich ist, jedes Bedürfnis sofort befriedigen zu können.

Bedürfnisse am Anfang des Lebens

Kommt ein Baby auf die Welt, so sind alle seine Bedürfnisse drängend und schreien förmlich nach unmittelbarer Befriedigung. Auch wenn man den Eindruck hat, dass ein Säugling einen vollkommen vereinnahmt, so fordert ein Säugling genau das ein, was er braucht. Nicht mehr und nicht weniger. Er hat das Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit, Sicherheit, Nahrung und Pflege, um nur die wichtigsten zu nennen. Ein junges Baby kann nicht warten. Es fehlen ihm schlicht die kognitiven Fähigkeiten, die es braucht um verstehen zu können, dass es nun nicht verhungern wird, sondern nur 5 Minuten warten muss, bis man z.B. aus der Dusche kommt.

Nach dem ersten Geburtstag

Etwa mit einem Jahr versteht ein Baby, dass es selbst und andere zwei unabhängige Personen sind. Aber es dauert bis etwa zum 2. Geburtstag, bis es eine erste Idee davon entwickelt, dass ein anderer Mensch andere Gedanken und Gefühle haben kann als es selbst. Zwischen dem 1. und 2. Geburtstag entwickelt sich die kognitive Fähigkeit des Babys sehr schnell. Babys und Kleinkinder melden zwar ihre Bedürfnisse immer noch sehr energisch an, in einem gewissen Rahmen können Bedürfnisse aber bereits ein wenig Aufschub erfahren.

Bedürfnisse aufschieben können

Anfangs halten Kinder oft nur einen Aufschub von 2 oder 3 Minuten aus. Wenn sie dabei aber die Erfahrung machen, dass das Umfeld zuverlässig ist und sich das Warten lohnt, dann lernen Kinder nach und nach Bedürfnisse auch aufschieben zu können.

Ein zuverlässiges Umfeld bedeutet, dass Versprechen, ohne Erinnerung von Seiten des Kindes, eingehalten werden. Heißt es z.B.: „Ich hänge noch schnell die letzten Stücke Wäsche auf, und dann schneide ich dir eine Karotte“, dann sollte die nächste Handlung nach dem Wäscheaufhängen auch das Schneiden der Karotte sein und nicht z.B. ein Telefonat, das einem gerade in den Sinn kommt. Machen die Kinder öfters die Erfahrung, dass Versprechen eingehalten werden und ihr Bedürfnis Beachtung findet, dann halten sie nach und nach Wartezeiten aus.

Impulskontrolle erlernen

Bedürfnisse aufschieben zu können ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen ihre Impulse kontrollieren können. Wenn ein Kleinkind wütend ist, schlägt es oft direkt zu. Es fehlt noch die Kontrollinstanz durch den präfrontalen Kortex. Hat ein Mensch gelernt, dass nicht jeder Impuls direkt ausgeführt werden muss, bzw. nicht jedes Bedürfnis direkt Befriedigung erfahren muss, kann er z.B. in der Wut die Fäuste ballen, ohne jedoch zuzuschlagen.

Was macht bedürfnisorientierte Erziehung aus?

Bedürfnisorientierte Erziehung meint mitunter nicht, ständig als ausführende Instanz um das Kind zu kreisen. Bedürfnisorientierte Erziehung umfasst vor allem einen achtsamen und respektvollen Umgang, für andere Menschen präsent zu sein und diese liebevoll zu begleiten, auch dann, wenn ein Bedürfnis nicht direkt befriedigt werden kann.

 

Foto: Maresa Gallauner