Angeleitete Tätigkeiten auch in der Familie?
Immer wieder treffe ich auf Eltern, die überlegen, ob sie mit ihren Kindern, so wie es in Kindergärten und Schulen üblich ist, mehr angeleitet basteln, malen, kochen, backen oder turnen sollten. Viele werden dabei von der Sorge getrieben, dass andere Kinder sonst Vorteile hätten (vor allem wenn es um Schulleistungen geht), weil sie eben diese Art der Beschäftigung besser kennen würden und mehr Übung hätten. Es geht somit wieder einmal um das Thema der notwendigen Förderung.
Fähigkeiten entwickeln sich
Gerade Eltern, die für ihr Kind alternative Kindergärten, wie z.B. Waldkindergärten, auswählen haben gegen Ende der Kindergartenzeit häufig Zweifel, ob das Kind nun Nachteile in der Schule hätte, weil es noch nicht so oft mit einer Schere geschnitten hätte. Selbst wenn es bisher im Familienleben nie Thema war Kinder angeleitet zu beschäftigen, wird plötzlich die Bastelstunde ausgerufen.
Fähigkeiten, z.B. Feinmotorik oder auch die Hand-Auge-Koordination (beides sehr wichtig, wenn wir beim Beispiel Schneiden bleiben) entwickeln sich jedoch auch, wenn die angestrebte Tätigkeit (z.B. schneiden) nicht an sich geübt wird. Spielt das Kind frei mit Naturmaterialien schult es dabei diese Fähigkeiten im selbstbestimmten Spiel. Kinder, die über eine gute Hand-Auge-Koordination verfügen und feinmotorisch gut entwickelt sind, brauchen oft nicht viele Versuche, um mit einer Schere sicher umgehen zu können – egal ob sie nun mit Schuleintritt bereits viele Bastelarbeiten angefertigt haben oder nicht.
Auch für angeleitete Bewegung (turnen), kreativen Ausdruck (malen) oder andere angeleitete Tätigkeiten (kochen, backen) trifft dies zu. Kinder brauchen die Freiheit selbstbestimmt ihre Fähigkeiten entfalten zu können. Diese Kinder sind in ihren Bewegungen (grob- und feinmotorisch) oft sicherer als Kinder, die in ihrer Entwicklung viel Anleitung erhalten haben.
Das andere Extrem
Soll dies nun heißen, dass man tunlichst nicht mit dem Kind turnen, basteln, malen, kochen oder backen soll? Nein, das ist damit nicht gesagt. Es geht mir vor allem darum den Druck von den Eltern zu nehmen das alles tun zu MÜSSEN. Kinder wollen am Familienleben teilhaben. Wird in einer Familie oft frisch gekocht oder gebacken, so ist es für Kinder selbstverständlich da einmal zuschauen oder mithelfen zu wollen. Das geschieht ganz ohne geplante Aktivität, einfach weil es Teil des Alltags ist. Genauso verhält es sich mit Bastel- und Malaktivitäten. Ist es in einer Familie z.B. üblich Dekoration für den Wohnraum selbst zu gestalten, so wird auch das Kind irgendwann daran teilnehmen wollen. Überkommt Eltern fast schon Panik, wenn sie nur daran danken zu basteln oder zu werken und fühlen sie sich gezwungen dem Kind das zu bieten, so entsteht nicht die wohlige Atmosphäre, die Kinder brauchen, um etwas zu lernen. Sie merken, dass diese Tätigkeit jetzt aufgesetzt ist und die Eltern etwas anderes nun viel lieber täten.
Auch Turnübungen wie Purzelbaum oder auf einem Bein stehen muss nicht zu Hause geübt werden. Kinder sind von sich aus gerne in Bewegung und testen aus, was ihr Körper alles kann. Es gibt Eltern, die selbst im Alltag kleine Übungen machen (z.B. auf einem Bein zu stehen) und Kinder beobachten dies und versuchen es auch aus.
Die Gelegenheit nutzen
Auch wenn Eltern vielleicht nicht oft kochen, backen oder basteln so kann es sein, dass sich Gelegenheiten ergeben, es mir dem Kind gemeinsam doch zu versuchen. Besuch meldet sich an und sie beschließen diesmal mit ihrem Kind den Kuchen gemeinsam zu backen und nicht einzukaufen. Sie sammeln bei einem gemeinsamen Ausflug Kastanien und kommen auf die Idee Kastanientiere zu basteln, usw.
Das kann für eine Familie auch eine sehr schöne Erfahrung sein, wenn man gemeinsam etwas Neues ausprobiert. Kinder finden es oft spannend, wenn Eltern sagen „ich habe auch noch nicht oft gebacken, aber heute probieren wir es einfach einmal aus“. Es ist dann auch keine Schande, wenn der erste gemeinsame Kuchen nicht toll aussieht oder eine Bastelaktivität nicht so gut gelingt. Das Kind erfährt jedoch, dass die Eltern immer noch neugierig sind neue Sachen für sich zu entdecken, dass sie es wagen etwas zu tun, was sie vielleicht nicht so gut können. Man kann sich als Familie gemeinsam freuen, wenn es klappt, man kann gemeinsam positiv in die Zukunft blicken, wenn es einen Misserfolg gab. Kinder profitieren von solchen Situationen.
Authentizität
Fasst man diese Gedanken zusammen, so geht es wieder darum, dass Kinder authentische Eltern suchen. Machen Eltern etwas gerne und verstellen sich dabei nicht, so wird es für Kinder ein selbstverständliches Tun. Keiner sollte sich jedoch gezwungen fühlen eine Tätigkeit zu planen, damit das Kind keinen Nachteil gegenüber Gleichaltrigen erfährt. Kinder entwickeln ihre Fähigkeiten über unterschiedliche Wege.